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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Zweiter Abschnitt.

sten metaphysischen Irrthümer ist. Anstoteies ist freilich nichtschuld daran, da der Grundirrthum tief in unserer Organisation be-gründet ist; dieser musste jedoch in einem Systeme, welches mehrals irgend ein früheres die Methaphysik auf dialectische Erörterungenstützte, doppelt verderblich werden, und die hohe Geltung, welcheAristoteles gerade durch sein in anderer Beziehung so fruchtbaresVerfahren gewann, schien diesen Schaden fast verewigen zu wollen.

Da Aristoteles nun auf so unglückliche Art aus der bloss mög-lichen Materie und der sich verwirklichenden Form das Werden, undüberhaupt die Bewegung ableitete, so musste auch ganz consequentdie Form oder der Zweck der Dinge die wahre Quelle der Be-wegung sein, und wie die Seele den Körper bewegt, so ist Gott,als Form und Zweck der Welt, die erste Ursache aller Bewegung.Man konnte nicht erwarten, dass Aristoteles die Materie als an sichbewegt ansehe, da er ihr ja überhaupt nur die negative Bestimmungder Möglichkeit Alles zu werden zuschreibt.

Dieselbe falsche Vorstellung vom Möglichen, welche jenen stören-den Einfluss auf den Begriff der Materie ausübt, finden wir nunwieder im Verhältnisse des bleibenden Dinges zu seinen wechselndenZuständen, oder um in der Sprache des Systems zu bleiben, in demVerhältnisse von Substanz und Accidens. Die Substanz ist das fürsich bestehende Wesen des Dinges, das Accidens eine zufällige Eigen-schaft, welche in der Substanz nur „der Möglichkeit nach“ vorhandenist. Nun giebt es aber in den Dingen keinen Zufall, obwohl ich einigederselben aus Unkenntniss der Gründe als zufällig bezeichnen muss.

Ebensowenig kann in einem Dinge die Möglichkeit irgend einerEigenschaft oder eines Zustandes stecken. Diese ist nur ein Gegen-stand unserer combinirenden Vorstellung. Auch kann keine Eigen-schaft in den Dingen „der Möglichkeit nach“ sein, da dies gar keineExistenzform ist, sondern eine Denkform. Das Saatkorn ist keinmöglicher Halm, sondern ein Saatkorn. Wenn ein Tuch nass ist,so ist in dem Augenblick, in dem es das ist, diese Nässe ebensonothwendig nach allgemeinen Gesetzen da, als jede andere Eigen-schaft des Tuches, und wenn sie vorher als möglich gedacht wird,so hat doch das Tuch, welches ich später ins Wasser tauchen will,in sich durchaus keine andere Eigenschaften, als ein anderes Tuch,dem kein solches Experiment bevorsteht.

Geht man also einmal dazu über, statt Substanz und Accidensbehufs praktischer Zwecke nur begrifflich zu trennen, sich auf das