Buch 
Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
Seite
112
JPEG-Download
 

112

Erstes Buch. Zweiter Abschnitt.

er sich vom Materialismus unterscheidet, als was er mit demselbengemein hat.

Unter allen philosophischen Systemen stellt Baco das des De-mokrit am höchsten. Er rühmt, dass dessen Schule tiefer als irgendeine andere in das Wesen der Natur eiugedrungen sei. Die Betrach-tung der Materie in ihren mannichfachen Wandlungen führe weiterals die Abstraction. Ohne Annahme der Atome lasse sich die Naturnicht wohl erklären. Ob Zwecke in der Natur walten, lasse sichnicht bestimmt sagen; jedenfalls müsse der Forscher sich lediglichan die wirkenden Ursachen halten. — Doch es ist peinlich, nachdem vernichtenden und in der Hauptsache wohlbegründeten Straf-gericht, welches der Freiherr von Liebig (München 18611) über denLord von Verulam hat ergehen lassen, sich mit dessen schwankendenund unredlichen Aeusserungen tiefer einzulassen, als der Gegenstandes unerlässlich fordert. Nur das sei beiläufig bemerkt, dass auchder entlarvte Baco in der Geschichte der Wissenschaften eine Stellebehaupten wird. Die inductive Methode, die Baco selbst so übelanwandte, behält trotzdem ihren theoretischen Werth, und selbst derEinfluss dieses Mannes auf die positiven AVissenschaften darf deshalbnicht völlig geläugnet werden, weil die bedeutendsten Entdeckungenschon vor seine Zeit fallen. Die Geltung der Naturforschung imLeben verdankt Baco erstaunlich viel, und diese Geltung hat auf dieallgemeine Pflege der empirischen Wissenschaften höchst forderlichzurück gewirkt.

Bekanntlich führt man auf Baco und Descartes zwei verschiedeneLntwickelungsreihen der Philosophie zurück, deren eine von Descartesüber Spinoza, Leibnitz, Kant und Fichte sich bis auf Schelling undHegel erstreckt, während die andere von Baco durch Hobbes undLocke zu den französischen Materialisten des achtzehnten Jahrhundertsläuft; indirect müssten wir also auf die letztere Linie auch unserenheutigen Materialismus zurück führen.

Und in der That ist es auch nur zufällig, dass der Name desMaterialismus erst im achtzehnten Jahrhunderte aufkam; das AVesenseiner Richtung ist mit Baco gegeben, und nur der Umstand hältuns ab, Baco als den eigentlichen AAuederhersteller der materialisti-schen Philosophie zu bezeichnen, dass'er sein Augenmerk fast aus-schliesslich auf die Methode gewandt hatte und dass er über diewichtigsten Punkte sich mit zweideutigen' Zurückhaltung äussert. Dieabergläubische und eitle Unwissenschaftlichkeit Baeos stimmt an und