Der Materialismus des siebzehnten Jahrhunderts.
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Seele) bedient.“ Es ist nun, bei genauer Vergegenwärtigung desaristotelischen Standpunktes leicht zu sehen, dass der Ausdruck exae-dificatio materiae oder genauer ipsius rei exaedificatio noch ganzunentschieden lässt, ob die bauende Kraft aus der Materie komme,oder der Form als einem eignen, höheren und fiir sich bestehendenPrincip, das dann ganz wohl als „Seele“ bezeichnet werden dürfte,zuzuschreiben sei. Offenbar hat unser Briefsteller sich hier entwederhinter die Autorität Melanchthons verschanzen, oder die Theologenärgern wollen; vielleicht beides. Wenn er dagegen beiläufig sich zurAnnahme der Atome Demokrits bekennt, so ist das mit seinem son-stigen Standpunkte wohl zu vereinigen.
Das merkwürdige Schriftchen, welches wir eben besprachen, hätteum so mehr Beachtung verdient, da es als Denkmal deutscher Geistes-kämpfe und als Beweis dafür, dass der neuere Materialismus — vonGassendi abgesehen — in Deutschland älter ist als in Frankreich,keineswegs vereinzelt steht. Wer kennt heutzutage den wackern Me-diciner Pancratius Wolff, der schon 1697, wie er selbst sagt, inseinen „Cogitationibus Medico-Legalibus“ dem Judicio und Censur dergelehrten Welt vorlegte: Dass die Gedanken nicht actiones derimmaterialischen Seele, sondern des menschlichen Leibes,und in specie des Gehirns, Mechanismi wären.“ Im Jahre 1726gab Wolff, der inzwischen wenig erfreuliche Erfahrungen gemacht habenmochte, ein Flugblatt heraus, in welchem er seine alte Ansicht „vonallen unchristlichen Folgerungen, dass dadurch die speciale providenzGottes, das liberum Arbitrium, und alle Moralität geläugnet würde,entlediget“ darstellt. Wolff ist durch eigne Beobachtung bei Fieber-Delirien — also in ähnlicher Weise wie De Ia Mettrie von sich vor-giebt — auf seine Ansichten gekommen. Jedenfalls bleibt es eineAufgabe der deutschen Culturgeschichte, dem Wirken von Männern,wie Westphal, llocheisen, Wolff, Ettmüller, Sonner und andern mehroder weniger materialistischen Aerzten und Physikern nachzuspürenund namentlich auch das Verhältniss derselben zur Verbreitung derrationelleren Medicin näher festzustellen.
Bekannter sind die Spinozisten, welche in Deutschland dieserphilosophischen Richtung eine möglichst materialistische Wendunggaben, ein Matthias Knuzen, Ludwig Lau, und vor Allen FriedrichWilhelm Stoscli, der Verfasser der Concordia rationis et fidei (1692)welche seiner Zeit grosses Aufsehen und Aergerniss erregte und derenheimlicher Besitz in Berlin mit einer Strafe von fünfhundert Thalern
Lange, Gesch. d. Mat. 1 l