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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Erster Abschnitt.

doch vermuthet werden muss, dass dieselben Eigenschaften unseresOrganismus, welche unsere ganze Erfahrung bestimmen, auch den ver-schiedenen Richtungen unserer Yerstandesthätigkeit ihr Gepräge geben.Hier aber machte Kant den ungeheuren Fehler, die ursprünglichenFormen des Urtheils als bekannt oder bewiesen anzunehmen, währendwir doch gerade hier vor einem der schwierigsten Probleme der Zu-kunft stehen.

Die „Ableitung aus einem Princip“, überhaupt ein höchst verführe-risches Verfahren, bestand doch im Grunde nur darin, dass fünf senk-rechte Striche und vier Querstriche gemacht und die dadurch gebildeten12 Felder ausgefüllt wurden, während es doch z. B. auf der Hand liegt,dass von den Urtheilen der Möglichkeit und Nothwendigkeit höchstenseins eine ursprüngliche Form sein kann, aus der sich das andere durchAnwendung der Negation ergiebt. Da war das rein empirische Verfahrendes Aristoteles im Grunde doch besser. Darin aber hatte Kant wiederRecht, dass er behauptete, dasselbe Problem, welches uns der Causali-tätsbegriff darbietet, mit derselben Lösung, müsse sich auch bei allenandern wahren Categorien finden.

Wichtiger ist es für die Frage des Materialismus, dass wir ,uus,statt nach den übrigen Categorien, noch nach dem Ursprung jener IdeenUmsehen, welche gerade den Kernpunkt des.ganzen Streites ausmachen.Wenn wir Schleiden glauben wollen, hat Kant die Ideen von Gott,Freiheit und Unsterblichkeit für immer unantastbar festgestellt.Statt dessen finden wir auf dem Boden der theoretischen Philosophie zu-nächst nur eine Ableitung, welche womöglich noch bedenklicher ist, alsdie der Categorien. Während nämlich Kant diese aus den Urtheils-formen der gewöhnlichen Logik ableitete, so fand er sich — es istschwer zu sagen wodurch — veranlasst, die Ideen als reine Vernunft-begriffe aus den Schlussformen abzuleiten. Er glaubte darin wiedereine Bürgschaft für die vollständige Ermittelung der reinen Vernunft-begriffe zu haben, und entwickelte in sehr künstlicher Weise aus deincategorischen Schlüsse die Idee der Seele, aus dem hypothetischen dieIdee der Welt und aus dem disjunctiven die Idee Gottes.

Die Categorien dienen nach Kant nur zum Verstandesgebrauch inder Erfahrung. Wozu dienen nun die Ideen? Bei der wichtigen Rolle,welche diese Ideen in dem materialistischen Streit der-Gegenwart spie-len, wird es nicht uninteressant sein, gerade hierüber noch einige WorteKants zu vernehmen. So wenig Werth wir auf die Ableitung dieserVernunftideen legen, so sehr müssen wir in der Beurtheilung der Rolle,