Die neuere Philosophie.
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wahrnehmen, noch eine eingebildete Welt anzunehmen. Diese eingebil-dete Welt ist, sofern wir uns von ihr irgend welche bestimmte Vor-stellungen machen, eine Welt des Scheines, ein Hirngespinnst. Sofernwir sie aber nur als den Begriff der jenseit unserer Erfahrung liegendenNatur der Dinge ansehen, ist sie mehr als Hirngespinnst; denn eben weildie Erscheinungswelt ein Product unserer Organisation ist, eben weilwir dies entdecken können, müssen wir auch eine von den Zuthatenunserer Anschauungen und Categorien unabhängige Welt, die „intelli-gible“ Welt annehmen können.
ln diese intelligible Welt versetzt Kant die Willensfreiheit, d. h. ersetzt sie aus der Welt, die wir im gewöhnlichen Sinne die wirkliche nen-nen, aus unserer Erscheinungswelt ganz und gar heraus. In der letzterenhängt Alles nach Ursache und Wirkung zusammen. Diese allein kann,von der Vernunftkritik und Metaphysik abgesehen, Gegenstand derwissenschaftlichen Forschung sein; sie allein kann einem Urtheil übermenschliche Handlungen im täglichen Leben, bei ärztlichen, gerichtlichenUntersuchungen u. dgl. zu Grunde gelegt werden.
Ganz anders ist es auf dem practischen Gebiete, im Kampf mitden eigenen Leidenschaften, in der Erziehung, oder wo immer es daraufankommt, nicht über den Willen zu urtheilen, sondern einesittliche Wirkung auszuüben. Da müssen wir von der Thatsacheausgehen, dass wir ein Gesetz in uns vorfinden, welches uns bedingungs-los gebietet, wie wir handeln sollen. Dies Gesetz muss aber mit derV r orStellung verbunden sein, dass es auch erfüllt werden kann. „Dukannst, denn du sollst“, spricht die innere Stimme; nicht „du sollst,denn du kannst“; weil das Pflichtgefühl von unserer Kraft ganz unab-hängig vorhanden ist. Ob Kant Recht daran hatte, den Gedanken derPflicht seiner ganzen practischen Philosophie zu Grunde zu legen, lassenwir einstweilen dahingestellt. Wir betonen nur die Thatsache. Bei demungeheuren Einfluss, den der verstandene wie der missverstandene Kantauf die Behandlung dieser Fragen geübt hat, ersparen wir uns und unsernLesern endlose Erörterungen über neuere Streitigkeiten, wenn es unsgelingt, den wesentlichen Gedankengang Kants scharf und vollständighinzustellen, ohne uns in das Labyrinth seiner endlosen, an die Schnör-kel der Gothik erinnernden Begriffsbestimmungen zu verlieren.
Ganz unabhängig von aller Erfahrung glaubt Kant im Bewusstseindes Menschen das Sittengesetz zu finden, welches als eine innereStimme schlechterdings gebietet, aber freilich nicht schlechterdings er-füllt wird. Gerade dadurch aber, dass der Mensch sich die unbedingte
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