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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Erster Abschnitt.

liegen, auch auf dem Gebiet jener Ideen ihre Rolle spielen. Namentlichwerden die Oategorien der Einheit, der Vielheit und der Substanz ander Erzeugung der Ideen Antheil haben; denn davon kann für eine auf-geklärte Psychologie gar keine Rede mehr sein, dass der Mensch einbesonderes Vermögen für Erkenntniss des Einzelnen habe, den Verstand;und ein besonderes für die einheitliche Auffassung der Erkenntnisse, dieVernunft. Was aber die Nothwendigkeit der Ideen betrifft, so istsie in dem Umfange, in welchem Kant sie behauptet, entschieden zu be-streiten. Nur für die Idee der Seele, als eines einheitlichen Subjectesfür die Vielheit der Empfindungen, dürfte sie wahrscheinlich gemachtwerden können. Für die Idee Gottes, sofern der Welt ein vernünftigerUrheber entgegengesetzt wird, besteht diese Naturanlage keineswegs.Das beweisen nicht nur die Materialisten durch ihr blosses Vorhandensein;es beweisen es auch viele der grössten Denker des Alterthums und derNeuzeit: einDemokrit, Heraklit, Empedokles, Spinoza, Fichte,Hegel. So weit die letzteren beiden auch in der Hauptfrage — demAstronomen Tyclio vergleichbar — hinter Kant zurückgeschritten sind,so dienen sie uns hier doch als Beispiele tüchtiger, dem Abstracten zu-gewandter Denker, welche das Ideal der reinen Vernunft von einemvernünftigen Urheber des Weltganzen in Kants Sinne keineswegs be-stätigen.

Bei der Besprechung der Idee der Welt als einer Totalität allerErscheinungen in ihrem Zusammenhänge nach Ursache und Wirkungsucht Kant nun auch das Problem der Willensfreiheit zu lösen. Ge-rade dies Problem spielt aber in dem materialistischen Streit der Gegen-wart eine grosse Rolle, und während die Materialisten sich an die ein-fache Verneinung des freien Willens zu halten pflegen, berufen sichungeschickte Gegner oft genug auf Kant, als ob dieser das Vorhanden-sein eines freien Willens in unwiderleglicher Weise bewiesen hätte.Nothwendig muss es nach beiden Seiten hin aufklärend wirken, wennes uns gelingt, Kants wahre Ansicht mit einigen festen und übersicht-lichen Zügen zu zeichnen.

ln der Erscheinungswelt hängt Alles nach Ursache und Wirkungzusammen. Hiervon macht der Wille des Menschen keine Ausnahme.Er ist dem Naturgesetz ganz und gar unterworfen. Aber dies Natur-gesetz selbst mit der ganzen Zeitfolge der Ereignisse ist nur ein Productder Wechselwirkung zwischen unserer Organisation und den wirklichenDingen, deren wahres Wesen uns verborgen bleibt. Die Naturanlageunserer Vernunft führt dazu, neben der Welt, die wir mit unseren Sinnen