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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Erster Abschnitt.

Bedeutung: in den Empfindungen, ja in den alltäglichen Empfindungen,sind die tiefsten und höchsten Wahrheiten verborgen. So ist die Liebeder wahre ontologische Beweis vom Dasein eines Gegenstandes ausserunserm Kopfe — und es giebt keinen andern Beweis vom Sein, als dieLiebe, die Empfindung überhaupt. Das, dessen Sein dir Freude, dessenNichtsein dir Schmerz bereitet, das nur ist.“

Feuerbach hat gewiss auch so viel Nachgedanken gehabt, dass erz. B. die Existenz lebender und denkender Wesen auf dem Jupiter oderin einem fernen Fixstern System nicht eben für undenkbar hielt. Wenndennoch die ganze Philosophie so gestellt wird, als sei der Mensch das ein-zige, ja das einzig denkbare Wesen von gebildeter, geistiger Sinnlichkeit,so ist das natürlich absichtliche Selbstbeschränkung. Feuerbach ist darinHegelianer und huldigt im Grunde sammt Hegel dem Grundsätze des altenProtagoras, dass der Mensch das Maass der Dinge sei. Wahr ist ihm,was für den Menschen wahr ist; d. h. was mit menschlichen Sinnenerfasst wird. Deshalb erklärt er, dass die Empfindungen nicht nuranthropologische, sondern metaphysische Bedeutung haben, d. h. dasssie nicht nur als Naturvorgänge im Menschen, sondern als Beweise fürdie Wahrheit und Wirklichkeit der Dinge zu betrachten sind.

Wollte man Feuerbach die Sinnestäuschungen entgegen halten, sowürde er vielleicht, wie es öfter geschieht, die Schuld dieser Täuschungenauf das Denken schieben, welches die an sich wahren Empfindungen nurfalsch deute. Wir werden aber später sehen, dass die Sinne an sich,vor jeder Deutung durch den Gedanken, schon täuschen. Ist nun schonin diesem Punkte sein System nicht wohl haltbar, so steht es nochschlimmer mit dem Versuche, das Geistige auf die sinnliche Empfindungzurückzuführen. Und doch ist gerade dieser Versuch sehr bemerkeus-werth.

„Die alte absolute Philosophie hat die Sinne nur in das Gebietder Erscheinung, der Endlichkeit verstossen und doch hat sie imWiderspruch damit das Absolute, das Göttliche als den Gegenstandder Kunst bestimmt. Aber der Gegenstand der Kunst ist Gegenstanddes Gesichts, des Gehörs, des Gefühls. Also ist nicht nur das End-liche, das Erscheinende, sondern auch das wahre, göttliche Wesen Gegen-stand der Sinne — der Sinn das Organ des Absoluten.“

„Wir fühlen nicht nur Steine und Hölzer, nicht nur Fleisch undKnochen, wir fühlen auch Gefühle, indem wir die Hände oder Lippeneines fühlenden Wesens drücken; wir vernehmen durch die Ohren nichtmir das Rauschen des Wassers und das Säuseln der Blätter, sondern