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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Erster Abschnitt.

Wenn nun aber das Geistige in der Form des Sinnlichenläge, hätte nicht dann gerade Feuerbach in der Hauptsache recht? DieForm der Empfindung ist vom Stoff (dem physiologischen Process) un-zertrennlich. In der Empfindung wird also auch w irklich das GeistigeGegenstand meiner Sinne; aber weshalb?

Was sind gebildete Sinne? Weshalb sieht der Philosoph in dem-selben Object etwas anderes, als der Anatom und der Chemiker? Oder,um ein einfacheres Beispiel zu wählen, weshalb sieht der Künstler ineiner Landschaft etwas Anderes, als der Oeconom? Jedenfalls beschrei-ben die Augenachsen beider nach der ersten Orientirung ganz verschie-dene Linien: aber das erste Bild auf der Netzhaut ist doch für beideannähernd dasselbe. Der Unterschied stammt vermuthlich aus den frü-heren Empfindungen, d. h. aus den Veränderungen, welche diese inFolge ihrer eigenthümlichen Form in den Organen zurückgelassen haben.Die Formveränderung des Organs entspricht der Form der Empfindun-gen. Diese Form ist es, die sich allmählich ausbildet; allein dabei istdie bleibende Form der Organisation das Wesentliche, ohne w-elehes dieEmpfindungen spurlos aufeinander folgten und überhaupt nichts Gei-stiges zeugen würden. Sonach bleibt es mindestens willkürlich, wennman das Geistige in den Act des Sehens, Hörens oder Filhlens verlegt,statt in die dauerhaftere Organisation, oder in das mathematischeVerhältniss der Organe.

Der schlimmste Punkt ist im Grunde der, dass Feuerbach nebendem Empfinden noch ganz im Ilegelschen Geiste ein durchaus empfin-dungsloses Denken anerkannt und dadurch in das Wesen des Menscheneinen unheilbaren Zwiespalt bringt. Das Vorurtheil, dass es ein em-pfindungsloses, ganz reines, ganz abstractes Denken gebe, theilt Feuer-bach mit der grossen Menge; leider auch mit der grossen Menge derPhysiologen und Philosophen. Es passt aber zu seinem System schlech-ter als zu irgend einem andern. Unsere bedeutendsten Gedanken voll-ziehen sich gerade in dem feinsten — für die nachlässige Selbstbeobach-tung verschwindend feinen— Empfindungsmaterial, während die stärkstenEmpfindungen nur wenig logischen Gehalt haben. Es dürfte aber schwer-lich eine Empfindung geben, in welcher nicht schon eine Beziehung aufandere Empfindungen derselben Classe mit empfunden wird. Wennich den Ton einer Glocke höre, wird meine Empfindung schon in ihrerersten Unmittelbarkeit durch meine Kenntniss der Glocke bestimmt.Eben deshalb hat ein ganz fremdartiger Ton oft etwas so ungemein auf-regendes. 'Das Allgemeine ist im Besondern, das Logische im Phvsio-