Die neuere Philosophie.
297
Arbeitens und Experimentirens noch ein endloses Gebiet liegt, dessenDui'chwanderung den Geist' erfrischt und das Geniüth veredelt.
Eins verdient der deutschen Naturforschung dieser Tage fürimmer hoch angerechnet zu werden: dass sie, so gut sie es verstand,den Handschuh aufnahm, der von übermüthigen Frevlern der Wissen-schaft hingeworfen wurde. Es giebt kein sichreres Zeichen für dieOhnmacht und Entwürdigung der Philosophie, als dass sie schwieg,während elende Günstlinge elender Fürsten dem Gedanken Umkehrgebieten wollten.
Freilich wurden die Naturforscher auch durch Männer aus ihreneignen Reihen gereizt, welche, ohne die mindeste wissenschaftlicheVeranlassung, sich bewogen fanden, dem in der Naturforschung herr-schenden Geist entgegenzutreten. Die Allgemeine Zeitung, welchedazu übergegangen war, die Spalten ihrer ehemals höherstehendenBeilagen dem minder wissenschaftlichen Professorentluun zu widmen,darf ihren Antheil an der Anfachung des Streites in Anspruch neh-men. Das Jahr 1852 brachte gleich zu Anfang R. Wagners phy-siologische Briefe. Im April Unterzeichnete Moleschott die Vorredezum Kreislauf des Lebens und im September verkündete Vogt zuseinen Bildern aus dem Thierleben, dass es Zeit sei, der überhand-nehmenden Autoritätssucht die Zähne zu zeigen.
Von den beiden Vorkämpfern der materialistischen Richtungwar der eine ein Epigone der Naturphilosophie; der andre gewesenerReichsregent, also ein verzweifelter Idealist. Beide Männer, nichtohne den Trieb eigner Forschung, glänzen doch vorzüglich durchdas Talent der Darstellung. Ist Vogt klarer und schärfer im Ein-zelnen, so hat dagegen Moleschott das Ganze mehr durchdacht undgerundet. Vogt widerspricht häufiger sich selbst; Moleschott istreicher an Sätzen, denen überhaupt kein bestimmter Sinn beizumessenist. — Vogts Hauptwerk in dieser Streitsache (Köhlerglaube undWissenschaft) erschien übrigens erst nach jener Göttinger Natur-forscherversammlung (1854), welche uns beinahe das Schauspiel dergrossen Religionsdispute der Reformationszeit wiederholt hätte. Indie Zeit des hitzigsten Streites (1855) fällt auch Büchners Kraftund Stoff, ein Werk, das vielleicht mehr Aufsehen gemacht und jeden-falls eine schärfere Beurtlieilung gefunden hat, als irgend ein andresdieser Literatur. Wir müssen die sittlichen Vorwürfe, die man Büchner,namentlich wegen der ersten Auflage seines Schriftchens, hat machenwollen, entschieden zurückweisen; dagegen vermögen wir freilich eben