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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Erster Abschnitt.

so wenig den Anspruch auf eine selbständige philosophische Bedeu-tung, den Büchner erhebt, anzuerkennen. Prüfen wir deshalb zunächstseine Anforderungen an die Philosophie!

Büchner äussert im Vorwort zu seiner Schrift, nachdem er dieVerschmähung einer philosophischen Kunstsprache begründet hat,Folgendes:

„Es liegt in der Natur der Philosophie, dass sie geistiges Ge-meingut sei. Philosophische Ausführungen, welche nicht vonjedem Gebildeten begriffen werden können, verdienen nachunserer Ansicht nicht die Druckerschwärze, welche man daran ge-wendet hat. Was klar gedacht ist, kann auch klar und ohne Um-schweife gesagt werden.“

Damit stellt nun Büchner einen vollständig neuen Begriff vonPhilosophie auf, ohne diesen jedoch genau zu bestimmen. Was manbisher Philosophie nannte, war niemals Gemeingut Aller und konntenicht von „jedem Gebildeten“ begriffen werden, wenigstens nicht ohnetiefe und eingehende Vorstudien. Die Systeme eines Heraklit, Ari-stoteles, Spinoza, Kant, Hegel erfordern die eingehendste Bemühung,und wenn selbst dann nicht Alles in ihnen verständlich wird, so magdies Schuld jener Philosophen sein. Dass die Werke derselben unsemVorfahren mehr werth waren, als die Druckerschwärze, ist klar, weilsie sonst nicht wären gedruckt, verkauft, bezahlt, gelobt und sogaroft gelesen worden. Offenbar richtet aber auch Büchner seine Wortenur an die Lebenden, in des Wortes verwegenster Bedeutung. Wasjene Systeme etwa für die Vergangenheit werth sein mochten, unter-lässt er zu untersuchen. Er hält sich auch nicht mit der Frage auf,welchen Einfluss diese Vergangenheit auf die Gegenwart geübt habe,und ob etwa ein nothwendiger Entwicklungsgang unser gegenwärtigesDenken mit den Bemühungen jener Philosophen verbinde. Auch wirdman annehmen müssen, dass Büchner der Geschichte der Philosophieihre Bedeutung lässt, denn wie alle Gegenstände der Natur, so wirddoch auch wohl das Denken des Menschen eine Untersuchung ver-dienen, bei welcher man sich nicht auf die oberflächlichsten Producteder Denkthätigkeit beschränken darf. Büchner hat selbst einen Aufsatzüber Schopenhauer geschrieben, in welchem er sich zwar nur be-müht, dem grossen Publicum einige Kenntnis» von dem eigenthüm-lichen Denken dieses Philosophen zu geben, aber doch auch anerkennt,dass Schopenhauer noch jetzt „einen gewichtigen Einfluss auf denGang unsrer augenblicklichen philosophischen Entwicklung“ üben