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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

thums und der Neuzeit, so verschieden auch der Begriff des Atomssich allmählig gestaltet hat, so verschieden die Theorien sind überdas Entstehen des bunten und reichen Weltganzen aus so einfachenElementen.

Eine der naivsten Aeusserungen des heutigen Materialismus istBüchner entschlüpft, indem er die Atome der Neuzeit „Entdeckun-gen der Naturforschung“ nennt, während die der Alten „willkür-lich speculative Vorstellungen“ gewesen sein sollen. In der That istdie Atomistik noch heute, was sie zu Demokrits Zeiten war. Nochheute hat sie ihren metaphysischen Charakter nicht verloren, undschon im Alterthum diente sie zugleich als naturwissenschaftlicheHypothese zur Erklärung der beobachteten Naturvorgänge. Wie derZusammenhang unsrer Atomistik mit derjenigen der Alten geschicht-lich feststeht, so hat sich auch der ganze ungeheure Fortschritt inder gegenwärtigen Ansicht von den Atomen graduell aus der Wechsel-wirkung von Philosophie und Erfahrung entwickelt. Freilich ist esdas Grundprincip der modernen Wissenschaften, das kritische,welches durch sein Zusammentreffen mit der Atomistik diese frucht-bare Entwickelung bewirkt,

Robert Boyle, „der erste Chemiker, dessen Bemühungen nurin dem edlen Triebe, die Natur zu erforschen angestellt sind,“ machteseine Bildungsreisen über den Continent noch im zarteren Jünglings-alter, grade um die Zeit, da der wissenschaftliche Kampf zwischenGassendi und Descartes entbrannte. Als er 1654 sich zu Oxfordniederliess, um sein Leben fortan der Wissenschaft zu widmen, wardie Atomistik als metaphysische Theorie schon wieder zur Geltunggelangt. Grade die Wissenschaft aber, welcher Boyle sich gewidmethatte, machte sich am spätesten aus den Fesseln der mittelalterlichenMystik und der Aristotelischen Auffassung frei. Boyle ist es, welcherdie Atome in diejenige Wissenschaft einführte, welche seitdem vondieser Theorie den ausgedehntesten Gebrauch machte; Boyle ist esaber zugleich, welcher schon durch den Titel seines Chemista scep-ticus (1661) anzeigt, dass er die Bahn der exakten Wissenschaft be-treten hat, in welcher die Atome ebensowenig einen Glaubensartikelbilden können, als der Stein der Weisen.

Boyles Atome sind noch fast ganz diejenigen Epikurs, wie Gas-sendi sie wieder in die Wissenschaft eingeführt hatte. Seine Atomehaben noch verschiedene Gestalt, und diese Gestalt ist auf die Festig-keit oder Lockerheit der Verbindungen von Einfluss. Sparsam mit