Buch 
Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
Seite
359
JPEG-Download
 

Die neueren Naturwissenschaften.

359

Hypothesen scheint er sieh nicht bestimmt darüber geäussert zu haben,wie er sich den Vorgang der Verbindung und Trennung der Atomedenkt. In diesem Punkte liegt aber jedenfalls die erste grosse Fort-bildung der Atomlehre verborgen. Der Materialismus der Alten führtestreng das Priucip der sinnlichen Anschaulichkeit durch. Nur Empe-dokles verband die Atome durch Liebe und Hass. Der reinere Ma-terialismus liess sie durch Haken und rauhe Flächen aneinander haften.Alle Veränderung erfolgte mittelst Uebertragung der Bewegung durchden mechanischen Stoss und durch die Beschleunigung, Verzöge-rung und Umformung aller Bewegungen der Atome, welche aus dieseneinfachen und in der That vollständig anschaulichen Elementen folgen.Die neuere Zeit vermochte mit diesen einfachen Mitteln die Masse derThatsachen nicht mehr zu bewältigen. Wir haben gesehen, welcheNoth schon Lucrez hatte, um den Magnetismus zu erklären. Jetzthatte man aber nicht nur durch Gilberts Arbeiten sehr ausgedehnteErkenntnisse über die Attraktions-Erscheinungen magnetischer undelektrischer Körper gewonnen, sondern man hatte grade auch in denOperationen der Alchemisten eine solche Reihe merkwürdiger Natur-vorgänge vor Augen, die sich einer direkten mechanischen Erklärungentzogen, dass man mit der sinnlichen Anschauung Epikurs auf diesemGebiete nicht zurecht zu kommen wusste.

Die Mystik der Alchemisten hat in dieser Beziehung keine Nothgehabt. Der reiche Begriffsvorrath der Scholastik bot ihnen einequalitas occulta dar, ein verborgnes Princip der Aehnlichkeit oderVerwandtschaft: die Affinität. Natürlich musste sich grade dasGefühl der exakteren Forscher anfänglich gegen die Anwendung diesesmystischen Begriffes sträuben; Boyle namentlich scheint ihn möglichstvermieden zu haben.

Unterdessen trat die grosse Wendung in der ganzen Auffassungder Natur ein, welche Newton durch den Nachweis des Gravitäts-gesetzes bewirkte. Mit der allmähligen Annahme seiner Theoriewurde das antike Princip der unmittelbaren Anschaulichkeit und Be-greiflichkeit der Naturvorgänge — vielleicht für immer — gebrochen.So sehr sich auch Newton selbst dagegen sträubte, in seiner allge-meinen Gravitation eine "Wirkung in die Ferne zu erkennen, sowar doch jeder Versuch einer mechanischen Erklärung der gross-artigen Erscheinungen des Sternenhimmels fortab unmöglich — wennman nicht den Begriff der Mechanik selbst reformirte. DasWidersinnige der Wirkung in die Ferne wurde dadurch für die exakten