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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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385
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Die neueren Naturwissenschaften.

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Art in dubio stets sehr grosse Zeiträume annehmen und dann dahintrachten müssen, diese durch wissenschaftliche Argumente zu be-schränken. Wo die Natur des Problems uns, wie bei manchen Fra-gen der Geologie, nur gestattet, das Minimum von Zeit annäherndfestzustellen, welches verfliessen musste, um gewisse Gebilde ent-stehen zu lassen, da wird man sich erinnern müssen, dass dies Mi-nimum durchaus nicht mit einiger Wahrscheinlichkeit an die Stelledes Wirklichen gesetzt werden darf, sondern dass es eben nur dieeine Grenze einer Reihe von Möglichkeiten bedeutet, deren audreGrenze völlig unbestimmt bleibt. Wo wir sicher wissen, dass sichgrossartige Vorgänge, wie z. B. Hebung und Senkung ganzer Küsten-striche, innerhalb geschichtlicher Zeiträume vollzogen haben, da müs-sen diese Erfahrungen allerdings auch zu induktiven Schlüssen aufanaloge Vorgänge benutzt werden; wo jedoch jede Analogie der Artaufhört, da stehen wir immer wieder vor der schrankenlosen Unend-lichkeit. Es ist daher keine Wirkung so klein und anscheinend ge-ringfügig, von welcher nicht, vorausgesetzt, dass sie nur stetig ist,jeder beliebige Grad vou Einfluss, sowohl in Beziehung auf die Zu-kunft als auf die Vergangenheit der Erde hergeleitet werden könnte.

Wenn man diese Umstände mit ihren vollen Consequenzen imAuge behält, so wird man auch leicht einsehen, dass der Gegensatzzwischen der Kosmogonie nach Kant und Laplace einerseits undder Stabilitätstheorie anderseits, weder so schroff noch so er-schöpfend ist, als man gewöhnlich auuimmt. Es ist vollkommenmöglich und fast scheint uns Volger die Sache so verstanden zuhaben, dass man in Beziehung auf alle geologischen Fragen, die bis-her zur Sprache gekommen sind, sich an Lyell anschliesst und den-noch die Möglichkeit einer Kosmogonie für ungleich fernere Zeiträumezugiebt. Ja, man wird behaupten dürfen, dass eine streng wissen-schaftliche Fassung dieser Frage ohne nähere Bestimmung derrelativen Unendlichkeit, die man behauptet oder bestreitet, garnicht mehr möglich ist; während der Gedanke an eine absoluteUnendlichkeit schon aus ganz positiven Gründen unbedingt aufzu-geben ist.

Der Gedanke einer absoluten Stabilität des grossen Weltganzenmit einem engen Kreise des periodischen Werdens und Vergehenshat schon für die rein logische Betrachtung, ganz abgesehen von po-sitiven Gegengründen, so erhebliche Bedenken gegen sich, dass mansich veranlasst sieht, zu fragen, woher es denn eigentlich kommt,Lange, Gesell. U. Mat. 25