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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

der Schöpfer in Thiere und Pflanzen gelegt, damit sie sich, ein jeg-liches in seiner Art fortpflanzen, und der unsichtbare, welcherin allen Elementen verborgen sei und nur bei besonderen Mischungs-und Temperaturverhältnissen wirksam werde. Dieser von Anbeginnin den Elementen Verborgene Samen sei es, der Pflanzen und Thierein grosser Anzahl ohne jegliche Mitwirkung fertiger Organismen her-vorbringe.

Dieser Standpunkt wäre für die Orthodoxie ein ganz günstiger;er Hesse sich sogar ohne viel Mühe so weit umformen, dass er beidem heutigen Stande der Wissenschaften noch so gut wie jedes derbeiden streitenden Dogmen könnte behauptet werden. Aber, wie inder Hitze eines Kampfes der Fechtende oft halb genöthigt, halbunwillkürlich seine Position wechselt, so geschieht es auch in demgrossen Gange wissenschaftlicher Streitfragen. Der Materialismus desvorigen Jahrhunderts spielt hier seine Rolle. Indem man versuchte,das Leben aus dem Leblosen, die Seele aus dem Stoff zu erklären,stellte man die vermeintliche Entstehung von Insekten aus faulendenStoffen in eine Reihe mit der Belebung todter Fliegen durch Salz,mit den willkürlichen Bewegungen geköpfter Vögel und andern In-stanzen für die materialistische Ansicht. Freunde der Teleologie undder natürlichen Theologie, Anhänger des Dualismus von Geist undNatur ergriffen nun die Taktik, das Entstehen von Insekten undInfusorien ohne Zeugung gänzlich zu bestreiten, und der Kampf derIdeen führte, wie so oft in der Geschichte der Wissenschaften, zufruchtbaren und sinnreichen Experimenten, in welchen die Materia-listen den Kürzeren zogen. Seit der viel gelesene und bewunderteBonnet in seinen Betrachtungen der Natur die generatio aequivocawiderlegt hatte, galt es als Spiritualismus, an dem omne vivum exovo festzulialten, und in diesem Punkt liarmonirte nun die Orthodoxieerträglich mit den Resultaten der exakten Forschung. Ja, es scheintfast bis auf die Gegenwart hin, als würde jener Satz um so uner-schütterlicher festgestellt, je genauer und sorgfältiger die Forschungzu Werke ging.

Die Metaphysik wurde bei der neuen Entdeckung toll. Manschloss, dass bei der natürlichen Zeugung alle zukünftigen Genera-tionen schon in dem Ei oder Samenthierchen enthalten sein müssten,und Professor Meier in Halle führte dieses „Präformationssystem“mit so naiver Anschaulichkeit durch, dass wir ein Unrecht gegenunsre Leser begehen würden, wenn wir nicht ein Pröbchen seiner