460
Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.
schaftlichen Untersuchungen mit einem Abschnitt vom „Wesen derSeele“ begonnen; aber das ist dann eben eine Nachwirkung derhohlen scholastischen Metaphysik, wenn sie sich einbildeten, in dieserWeise eine sichre Grundlage der Untersuchung gewinnen zu können.Ausgenommen sind natürlich die Fälle, wo der Begriff der Seele nurgeschichtlich oder kritisch erörtert wird. Wer aber noch positiveSätze von der Seele, wie z. B. von ihrer Einfachheit, Ausdehnungs-losigkeit u. dgl. voranstellt, oder wer das Gebiet der Seelenlehre zumvoraus glaubt nach allen Seiten sorgfältig einzäunen zu müssen, be-vor er zu bauen anfängt, bei dem ist an eine naturwissenschaftlicheBehandlung des Stoffes kaum zu denken. Was sollte man von einemNaturforscher sagen, welcher damit anfinge, sich das Wesen der Na-tur klar zu machen, und welcher erst dann seine Forschungen fürzweckdienlich halten wollte, wenn er sich zuvor genau klar gemacht,was die Natur sei? Noch deutlicher wird die Sache bei speciellenGebieten. Hätte Gilbert seine Bernsteinstückchen nicht gerieben,bevor er über das Wesen der Elektricität im Klaren war, so würdeer vermuthlich nie einen wichtigen Schritt zur Erkenntniss ihres We-sens gethan haben. Welcher Forscher möchte wohl heute genau be-stimmen, was Magnetismus ist? Unter den Händen der Forschergestaltet sich der Begriff um. Aus der Kraft des Magneten das Eisenanzuziehen wird eine allgemeinere Kraft. Die Erde wird als Magneterkannt. Der Zusammenhang mit der Elektricität wird entdeckt. DerDiamagnetismus wird durch eine Fülle der überraschendsten Erschei-nungen verfolgt. Wo wären die glänzenden Entdeckungen einesOersted, Faraday, Plücker geblieben, wenn diese erst denBegriff des Magnetismus hätten metaphysisch ergründen und dannihre naturwissenschaftlichen Forschungen beginnen wollen!
Es bleibt ein merkwürdiges Denkmal der philosophischen Gäh-rung in Deutschland, dass ein so feiner Kopf wie Ilerbart, ein Mannvon einer bewunderungswürdigen Schärfe der Kritik und von grossermathematischer Bildung auf einen so abenteuerlichen Gedanken kom-men konnte, wie der ist, das Princip für eine Statik und Me-chanik der Vorstellungen durch Spekulation zu finden.Noch auffallender ist, dass ein so aufgeklärter, in ächt philosophi-scher Weise dem praktischen Leben zugewandier Geist sich in diemühevolle und undankbare Arbeit verlieren konnte, ein ganzes Systemder Statik und Mechanik des Geistes nach seinem Princip auszuar-beiten, ohne irgend eine Gewähr der liichtigkeit an der Erfahrung