Die neueren Naturwissenschaften.
459
und eine formalistische Geistesrichtung einschlagen können, ohneden Boden naturwissenschaftlicher Hypothesen zu verlassen. DieStichwörter des Materialismus und des Formalismus bezeichnen hiernatürlich nicht den Ausfluss fertiger Systeme, sondern verschiedneNeigungen und Richtungen, die mit dem philosophischen Standpunktoft nur sehr indirekt Zusammenhängen. Da das Glück der Forschungvon einer Wechselbeziehung zwischen Individuum und Stoff bedingtwird, die oft mit den allgemeinen Eigenschaften des Fleisses, Scharf-sinnes und der Ausdauer nicht ganz übereinstimmt und jedenfalls denErfolg derselben erstaunlich erhöhen oder schwächen kann, so darfman sich denn auch nicht wundern, dass grade auf denjenigen Ge-bieten, wo mathematische Verhältnisse die grösste Rolle spielen,unsre Materialisten trotz ihres guten Willens fast nichts Positivesentdeckt haben. Vermuthlich wird es auch mit dem Einblick in dasWesen der Gehirnthätigkeit besser werden, wenn man dazu übergeht,ohne irgend welche Rücksicht auf psychologische Begriffe bestimmteeinzelne Vorgänge der exakten Betrachtung zu unterwerfen und dieorganischen Vorgänge mit Rücksicht auf das Gesetz der Erhaltungder Kraft vorurteilsfrei zu untersuchen.
Was wird denn aber die Psychologie dazu sagen! Habenwir doch in neuerer Zeit nicht nur eine naturwissenschaftliche,sondern sogar auch eine mathematische Psychologie erhalten, undes giebt eine Reihe ganz verständiger und verdienstvoller Leute,welche alles Ernstes glauben, Herbart habe mit seinen Differenzial-gleichungen die Welt der Vorstellungen so gründlich erkannt, wieKopernikus und Kepler die Welt der Himmelskörper. Das ist nunfreilich eine so gründliche Selbsttäuschung wie die Phrenologie, undwas die Psychologie als Naturwissenschaft betrifft, so ist mit dieserschönen Bezeichnung ein solcher Unfug getrieben worden, dass manleicht in Gefahr kommen könnte, das Kind mit dem Bade auszu-schütten. Wir werden jedoch den Anfängen einer wirklich natur-wissenschaftlichen und in einzelnen Theilen selbst mathematischenBehandlungsweise psychologischer Fragen ihren vollen Werth beilegenkönnen, ohne den eben .dargelegten Standpunkt irgendwie zu ver-lassen.
Vor allen Dingen ist zu erwähnen, dass der Begriff der Psy-chologie nur für den Scholastiker oder den unwissenden Pedanten einganz festbegrenzter und vollständig klarer sein kann. Es haben zwarrecht wackre und scharfsinnige Männer ihre angeblich naturwissen-