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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Die neueren Naturwissenschaften.

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Da aus Herbarts Schule grade die Bestrebungen grossentheilshervorgegangen sind, eine naturwissenschaftliche Psychologiezu gründen, so ist es oft von Interesse, die versteckten Widersprüchehervorzuzielin, mit ‘welchen die Annahme einer absolut einfachen unddennoch vorstehenden Seele notliwendig verbunden ist. Das absolutEinfache ist auch keiner inneren Veränderung fähig, weil wir unsdiese nur in der Form wechselnder Ordnung der Theile denken kön-nen. Deshalb sagt Herbart auch nicht, dass die Realen aufeinanderwirken, sondern dass sie Einwirkungen von einander erleiden wür-den, wenn sie diesen nicht durch einen Akt der SelbsterhaltungWiderstand leisteten. Als ob damit etwas andres gesagt werdenkönnte, als mit der Annahme einer einfachen Wechselwirkung! Waitzlegt in seiner Psychologie (S. 81) viel Werth auf den Unterschiedzwischen Dispositionen zu einem Zustand und wirklichen Zu-ständen. So geht es in der Metaphysik. Zustände darf die Seelenicht haben; bei Leibe nicht, sonst ginge ja ihre absolute Einheitverloren! Aber Dispositionen, das ist ganz etwas andres; „Stre-bungen“, warum nicht? Der Metaphysiker widerlegt mit einemenormen Aufwand von Scharfsinn alle möglichen andern Ansichten,und wo er seine eigne Meinung entwickelt, schiesst er einen logischenPurzelbaum von der gewöhnlichsten Sorte. Jeder Andre sieht, dasseine Disposition zu einem Zustand auch ein Zustand ist, dass Selbst-erhaltung gegen eine drohende Einwirkung nicht ohne eine, wennauch noch so feine wirkliche Einwirkung denkbar ist. Der Meta-physiker sieht dies nicht. Er hat sich mit seiner Dialektik an denRand des Abgrundes getrieben, alle Begriffe hundertmal herumge-wendet, hervorgezogen, weggeworfen, und endlich muss durchausund durchaus etwas gewusst werden. Also die Augen zuge-drückt und den salto mortale herzhaft gemacht — von den Höhender schärfsten Kritik hinab in die allergewöhnlichste Verwechslungvon Wort und Begriff! Ist dies gelungen, dann geht es munterweiter. Je mehr Widersprechendes in die erste Grundlegung aufge-nommen wird, desto freier lässt sich schliessen, wie man denn be-kanntlich aus mathematischen Sätzen, welche den Faktor Null in ver-steckter Weise enthalten, oft die merkwürdigsten Dinge ableitenkann.

Ilerbart hat selbst einmal gesagt, dass uns statt einer Geschichteder Psychologie, wie F. A. Carus sie geschrieben, vielmehr eineKritik der Psychologie noth thäte. Wir fürchten, wenn diese