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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.
jetzt geschrieben würde, dürfte von der ganzen vermeintlichenWissenschaft nicht viel übrig bleiben.
Dennoch ist die naturwissenschaftliche Psychologie in ihrenersten Anfängen vorhanden, und zwar bildet die Schule Herbartsfür Deutschland ein wichtiges Glied der Uebergangs-Epoche, obwohlsich hier die Wissenschaft erst mühsam von der Metaphysik loszu-ringen beginnt. Waitz, ein scharfsinniger Denker, der aber olfen-bar, wie es Privatdocenten und ausserordentlichen Professoren zugehen pflegt, viel zu früh zu schreiben begann, und so gleichsammitten im Fluss der Entwicklung erstarrte, machte sich von Herbartso weit los, dass er die mathematische Psychologie verwarf und dieganze metaphysische Grundlage der Herbartschen Psychologie in eineangebliche Hypothese über das Wesen der Seele umschuf. Damitist denn aber freilich nur wenig gewonnen. Klare Hypothesen zuhaben statt unklarer und widersinniger Dogmen wäre schon ein grosserFortschritt; aber was soll uns eine Hypothese über das Wesen derSeele, oder auch nur eine Hypothese über das Vorhandensein einerSeele, so lange wir noch so wenig Genaues über die einzelnenErscheinungen wissen, auf welche sich doch jede exakte Forschungzunächst erstrecken muss? In den wenigen Erscheinungen, welcheeiner genaueren Beobachtung bisher zugänglich gemacht sind, liegtnicht die mindeste Veranlassung, eine Seele, in irgendwelchem näherbestimmten Sinne, überhaupt anzunehmen, und der versteckte Grundzu dieser Annahme liegt eigentlich immer nur in der Ueberlieferung,oder in dem stillen Drang des Herzens, dem verderblichen Materia-lismus entgegenzutreten. Dadurch wird denn ein doppeltes Unheilangerichtet. Die naturwissenschaftliche Psychologie wird verpfuschtund verfälscht; die Rettung und Stärkung des Idealen aber, das mandurch den Materialismus bedroht glaubt', wird versäumt, weil manWunders was geleistet zu haben wähnt, wenn man für das alte Fabel-wesen der Seele einen neuen Schimmer von Beweisführung vorbringt.
„Aber heisst denn Psychologie nicht Lehre von der Seele?Wie ist denn überhaupt eine Wissenschaft denkbar, welche es zweifel-haft lässt, ob sie überhaupt ein Objekt hat?“ Nun, da habenwir wieder ein schönes Pröbchen der Verwechslung von Namen undSache! Wir haben einen überlieferten Namen für eine grosse, aberkeineswegs genau abgegrenzte Gruppe von Erscheinungen. DieserName ist überliefert aus einer Zeit, in welcher man die gegenwärtigenAnforderungen strenger Wissenschaft noch nicht kannte. Soll man