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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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523
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Der ethische Materialismus und die Religion.

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bei der bestehenden Bedürfniss-Versorgung gross oder klein ist, son-dern ob es heilsam und zeitgemäss ist, ihn relativ grösser odergeringer zu machen.

In dem letzteren Punkte namentlich culminirt die ganze Bedeutungder Frage, ob der Egoismus das Moralprincip der Zukunft sein kann.Dass er faktisch nach wie vor eine grosse Rolle spielen wird, istsicher. Nach unsern Erörterungen dürfte es aber ebenfalls sichersein, dass eine fernere Steigerung des Individualismus nicht einenneuen Aufschwung, sondern nur den Verfall unsrer Cultur bedeutenkönnte. Sofern in der Geschichte ein positiver Fortschritt sich zeigt,sehen wir bisher immer das entgegengesetzte Princip in erhöhter Wirk-samkeit, während der Uberhandnehmende Individualismus nur an derZersetzung unbrauchbar gewordener Formen arbeitet. Deshalb wirdauch für die Gegenwart wohl der eigentliche Strom des Fortschrittsin der Richtung des Gemeinsinns liegen. Es giebt eben einen natur-gemässen, wir möchten sagen physischen Grund für die allmähligeVerdrängung des Egoismus durch das Wohlgefallen an der harmoni-schen Ordnung der Erscheinungswelt und zunächst durch die gemein-samen Interessen der Mitmenschen. Was Adam Smith mit seinerSympathie wollte, Feuerbach mit seiner Lehre von der Liebe,Comte mit dem Princip der Arbeit für den Nächsten, das sindAlles nur vereinzelte Erscheinungsformen des mit der fortschreitendenCultur sich bildenden Uebergewichtes der mit zu unserm Wesen ge-hörenden Objektvorstellungen über das Bild eines mit Schmerz undLust begabten Ich. Sowie mit der Ordnung der Lebeusverhältnisseder Wechsel von Schmerz und Lust an Heftigkeit verliert und dieBegierden sich mildern; wie anderseits die Erkenntniss der Aussen-welt, das Verständniss Andrer sich mehrt, so muss dies Uebergewichteintreten und seine naturgemässen Wirkungen äussern. Selbst ein sostark zum Skepticisnms neigender Schriftsteller wie J. St. Mill legtdiese Grundanschauung in nahem Anschluss an Comte seinem ethi-schen System zu Grunde und verkennt nur in seinem „Utilitaria-nismus“ das ideale, formenbildende Element, welches diesem Strebennach Harmonie in der sittlichen Welt so gut zu Grunde liegt, wie denBestrebungen der Kunst. In der That haben wir auch diesen Fort-schritt von der Wildheit zur menschlichen Sitte schon so oft undunter den verschiedensten Verhältnissen so wesentlich gleichmässigvor sich gehen sehn, dass schon der blosse Induktionsschluss auf dieNaturnothWendigkeit der ganzen Erscheinung nicht ohne Werth ist;