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Zweites Buch. Dritter Abschnitt.
nachdem wir aber vollends in unsrer Sinnlichkeit selbst den Grunddieses Vorgangs entdeckt haben, können wir nicht mehr an dem Be-stehen des treibenden Princips zweifeln, wohl aber freilich daran, obes zu irgend einer gegebenen Zeit und bei einem gegebenen Volkeoder einer Gruppe von Nationen stärker sei, als andre, eben-falls einflussreiche Kräfte, die entweder an sich oder durch ihreeigenthümliche Zusammenwirkung den Ausschlag im entgegengesetztenSinne geben könnten.
Dass der Fortschritt der Menschheit kein stetiger ist, lehrt jedesBlatt der Geschichte; ja, man kann immer noch Zweifel darüber hegen,ob überhaupt im grossen Ganzen ein solcher Fortschritt besteht, wiewir ihn im Einzelnen bald sich entfalten, bald wieder verschwindensehen. Obwohl es mir selbst jetzt unverkennbar scheint, dass nebendem Auf- und Niederschwanken der Cultur, welches wir in der Ge-schichte so deutlich sehen, zugleich ein stetiger Fortschritt bemerkbarist, dessen Wirkungen nur durch jenes Wellenspiel verdeckt werden,so ist doch diese Erkenntniss nicht so sicher, wie die des Fortschrittsim Einzelnen, und man findet tüchtige, in Natur und Geschichte be-wanderte Denker, wie Volger, welche diesen Fortschritt leugnen.Gesetzt aber auch, er wäre in dem Abschnitt der Geschichte, den wirüberblicken, unverkennbar, so könnte das immer nur eine grössereWelle sein, wie die Fluthwelle, die stetig steigt, während Berg undThal der Brandungswelle abrollen, die aber endlich auch ihren Höhe-punkt erreicht und unter demselben Spiel der unruhigen Brandungstetig zurückgeht. Es ist also auf keinen Fall mit einem Glaubens-artikel oder einer allgemein anerkannten Wahrheit hier etwas auszu-richten und wir müssen die Ursachen, welche den Rückgang derCultur vom Gemeinsinn zum Egoismus herbeiführen könnten, nochgenauer betrachten.
Wir finden in der That, dass die wichtigsten Gründe für denVerfall alter Culturstätten längst von den Geschichtsforschern erkanntsind. Der am einfachsten wirkende Grund ist der, dass die Cultursich meist auf engere Kreise beschränkt, die nach einer gewissenZeit in ihrem abgesonderten Bestände gestört und von weiteren Kreisen'wieder verschlungen werden, deren Massen auf einem niederen Stand-punkt stehen. Hier findet man auch immer, dass der gehobene Theilder menschlichen Gesellschaft, sei dies nun ein einzelner Staat odereine bevorzugte Volksklasse, den Egoismus nur innerhalb des engerenKreises theilweise überwindet, während nach Aussen, wie zwischen