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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Dritter Abschnitt.

Materialismus wird niemals darauf verzichten können, auch die geisti-gen Gebilde der Religion in ihre Elemente zu zerlegen, wie er dieKörperwelt auf die Atome zurückführt. Die Phantasie, die Furcht,der Fehlschluss machen ihm die Religion, die ein Produkt dieserEinzelwirkungen ist, und wenn er ihr eine ethische Wirkung zuschreibt,so wird er diese aus einer Uebertragung der natürlichen Moral aufdie übernatürlichen Begriffe zuriiekführen. Wenn wir sehen, wie dieReligion oft zum Guten oder Schlimmen eine erstaunliche Gewalt überdie Menschen ausübt, wie sie im Mittelalter Tausende von Kindernzur Kreuzfahrt treibt und in unsrer Zeit die Mormonen unter Kampfund Verschmachten in die Wüste des Salzsee’s fliehen lässt; wie derMuhamedanismus mit der Schnelligkeit einer lodernden Flamme Natio-nen umschmelzt und Continente in Wallung bringt; wie die Refor-mation eine Epoche hi der Geschichte begründet: dann ist ihm dasAlles nur ein besonders wirksames Zusammentreffen jener Faktorender Sinnlichkeit, der Leidenschaftlichkeit und des Irrthums oder derunvollkommnen Erkenntniss; wir dagegen werden uns erinnern, dass,wie in den äusseren Dingen, so auch hier, der Werth und das Wesendes Gegenstandes nicht in der blossen Thatsache steckt, dass ebendiese und jene Faktoren Zusammenwirken, sondern in der Form, inwelcher sie Zusammenwirken, und dass diese Form — für uns praktischgenommen das Wichtigste — nur in dem eigenthiimlichen Ganzenerkennbar ist und nicht in den abstrahirten Faktoren. Was Aristotelesbewog der Form vor dem Stoff und dem Ganzen vor seinen Theilenden Vorrang zu geben, war seine tief angelegte praktische Natur, seinethischer Sinn, und wenn wir ihm in der exakten Forschung stetsentgegen treten und immer und immer wieder das Ganze aus denTheilen, die Form — so weit wir es vermögen — aus den Stoffenerklären müssen, so wissen wir doch seit Kant, dass die ganzeNothwendigkeit dieses Verfahrens nur ein Spiegel der Organisationunsres zur Analyse geschaffenen Verstandes ist, dass dieser Processein processus in intinitum ist, der nie sein Ziel völlig erreicht, wenner auch anderseits nie vor einem gegebenen Problem zurückbebendarf. Wir wissen, dass stets ein gleich grosser Widerspruch zwischender vollendeten und eigenthiimlichen Natur eines Ganzen und der an-nähernden Erklärung desselben aus seinen Theilen bestehen bleibt.Wir wissen, dass in diesem Widerspruch sich die Natur unsrerOrganisation spiegelt, welche uns die Dinge ganz, vollendet, gerundetnur auf dem Wege der Dichtung giebt; stückweise, annähernd, aber