I)or ethische Materialismus und die Religion. 5119
relativ genau auf dem Wege der Erkenntniss. Alle grossen Missver-ständnisse, alle weltgeschichtlichen Irrungen stammen ja aus der Ver-wechslung dieser Vorstellungsweisen, indem man entweder die Er-gebnisse der Dichtung, die Gebote e'iner inneren Stimme, die Offen-barungen einer Religion als absolute Wahrheiten mit den Wahrheitender Erkenntniss in Conflict gerathen liess, oder ihnen überhaupt keineStelle im Bewusstsein der Völker gestatten wollte. Freilich tragenalle Ergebnisse der Dichtung und Offenbarung für unser Bewusstseinden Charakter des Absoluten, des Unmittelbaren, indem die Bedin-gungen, aus denen diese Vorstellungsgebilde hervorgehn, nicht mitzum Bewusstsein kommen; freilich sind anderseits alle Dichtungen undOffenbarungen einfach falsch, sobald man sie nach ihrem materiellenInhalt mit dem Maassstabe der exakten Erkenntniss prüft: allein jenesAbsolute hat nur Werth als Bild, als Symbol eines jenseitigenAbsoluten, welches wir gar nicht erkennen können, und diese Irrthüraeroder absichtlichen Abweichungen von der Wirklichkeit thun nur Scha-den, wenn man sie als materielle Erkenntnisse gelten lässt. DieReligion ist daher in Zeiten, welche einen gewissen Grad von Bildungund Frömmigkeit vereinigen, stets von der Kunst unzertrennlich ge-wesen, während es ein Zeichen des Verfalls oder der Erstarrung ist,wenn ihre Lehren mit dem nüchternen Wissen verwechselt werden.Dort liegt der wahre Werth der Vorstellungen in der Form, gleich-sam im Stil der Vorstellungs-Architektur und in dem Eindruck dieserVorstellungs-Architektur auf das Gemütli; hier dagegen sollen alleVorstellungen im Einzelnen wie in ihrem Zusammenhang materiellrichtig sein.
Aber die Religion soll nun einmal mit aller Gewalt Wahrheitenthalten. Sie soll, wemi auch nicht menschlicher Erkenntniss, sodoch einer höheren Einsicht, einem Wissen um das Wesen derDinge entstammen, welches den Menschen von der Gottheit offenbartwird. Wir haben uns bereits hinlänglich darüber ausgesprochen, dasswir weder eine Beiordnung noch eine Ueberordnung religiöser Er-kenntnisse den Resultaten der methodischen Wissenschaft gegenüberirgendwie zugeben können, und wir möchten annehmen, dass dieserSatz sammt der Zusammenstellung der Religion mit der Kunst undder Metaphysik in nicht zu ferner Zeit allgemein zugegeben sein wird;ja es w r ill uns scheinen, als ob dies Verhältniss selbst von den ent-schiedensten Gläubigen in ungleich weiterem Maassc erkannt oderwenigstens geahnt werde, als man gewöhnlich annimmt. Die grosse