Buch 
Die Bevölkerungsstatistik der schweizerischen Eidgenossenschaft und ihrer Kantone, unter steter Vergleichung mit den analogen Verhältnissen anderer Staaten : ein Beitrag zur Kenntniss der physischen und socialen Zustände der Schweiz / nach offiziellen Daten für Aerzte, Beamte, Geistliche u.s.w. bearbeitet von Dr. Wilhelm Gisi
Entstehung
Seite
102
JPEG-Download
 

102

durch Bildungsverhältnisse bedingt ansehen. Wir denken hier nicht zunächst anden Cölibat der katholischen Geistlichkeit und der Klosterbewohner, deren Zahlnamentlich in den Urkantonen relativ sehr gross ist, 38 welche zudem noch einengrossen Theil von Frauenspersonen als Haushälterinnen absorbiren, die sonst, wiesie selbst, wahrscheinlich sich verheirathen würden, da indem die Einen zu hei-rathen gehindert, die Andern dadurch begünstigt sind, was sich also compensirt.Sondern vielmehr an die verschiedene Auffassung der Ehe in katholischen und inprotestantischen Ländern, indem theils in katholischen eben wegen des Cölibats derGeistlichkeit das Hagestolzenleben nicht so missachtet wird, als in den protestan- jtischen, also dort eine grössere Proportidn lediger Individuen im heirathsfähigen ;

Alter vorhanden ist als hier, theils wegen der tiefem Auffassung der Ehe in der j

katholischen Kirche die Zahl der Ehescheidungen bei den Katholiken weit geringerist als bei den Protestanten, und zwar selbst in Ländern, wo sie, wie in Belgien,als Civilact ohne Zuziehung von Geistlichen vollzogen werden können, Eheschei-dungen aber gewöhnlich von jüngern, also wieder sich verheirathenden Individuenvorgenommen werden, so dass wohl im Allgemeinen eine Scheidung zwei neueEhen veranlasst. 39

7. Richtiger als die absolute, welche wir bisher allein betrachtet, scheint dierelative Heirathsfrequenz, unter der wir das Yerhältniss der jährlich neu geschlos-senen Ehen zu den jährlich durch Tod oder Scheidung aufgelösten verstehen, alsMaassstab zur Vergleichung des Volkswohlstandes verschiedener Länder angewendetwerden zu können, da hier die Einflüsse, welche jene nicht als zuverlässig er-scheinen lassen, nämlich die verschiedene Sterblichkeit, die religiöse Verschiedenheit(falls diese überhaupt einwirkt), besonders aber der Einfluss stehender Heere odereiner Volksmiliz, da jene eine grosse Zahl heirathsfähiger junger Männer oft auflange Jahre vom Heiralhen abhalten, und überhaupt derjenige der grossem odergeringem Proportion der jugendlichen, nicht heirathsfähigen Bevölkerung, welchein Frankreich und der Schweiz am geringsten ist, 40 ganz wegfallen. Leider mangelnuns hiefür die erforderlichen Daten, da nur diejenigen von Lucern früher auch denCivilstand der Gestorbenen, ob ledig oder ob verheirathet, angaben.

Ebenso wenig sind wir auch im Stande, Untersuchungen über den Civilstandder sich Verheirathenden, nämlich über die Ehen zwischen 1) Junggesellen undMädchen, 2) Wittwern und Wittwen, 8) Junggesellen und Wittwen und 4) Witt-wern und Mädchen anzustellen, wofür Wappäus interessante Daten beigebracht hat,aus denen sich ergibt: 1) dass dieses Verhältniss (über 80 % bei 1, über 10 % hei 4) jin den einzelnen Jahren und Ländern sehr constant ist; 2) dass das Verhältniss der [durch den Tod aufgelösten Ehen der allgemeinen Sterblichkeit entspricht; 3) dassdas Verhältniss der ersten Ehen der Heirathsfrequenz umgekehrt proportional ist.

8. Uebergehend nun zum Heirathsalter, dessen Verschiedenheit, wie wir schonoben gesehen, sowohl auf die Heirathsfrequenz als auf die Proportion der Yer-heiratheten zur Gesammtbevölkerung einwirkt, so liegen uns auch hierüber nur auseinigen schweizerischen Kantonen statistische Daten 41 vor, deren Resultat, vcr-

38 S. oben Cap. 4 §. 4. — 39 Horn a. a. 0. — 40 S. oben Cap. 7 §. 5. — 41 Wasunsere .Daten überhaupt betrifft, so mögen wohl fast keine andern so sehr Anspruch auf