Buch 
Die Bevölkerungsstatistik der schweizerischen Eidgenossenschaft und ihrer Kantone, unter steter Vergleichung mit den analogen Verhältnissen anderer Staaten : ein Beitrag zur Kenntniss der physischen und socialen Zustände der Schweiz / nach offiziellen Daten für Aerzte, Beamte, Geistliche u.s.w. bearbeitet von Dr. Wilhelm Gisi
Entstehung
Seite
101
JPEG-Download
 

101

jeden Mittelalters durchzieht, daher auch positive Belohnungen für Kinderreichthum,wie sie schon die alten Perser und Spartaner kannten, besonders aber seit Colbertin den meisten Staaten Europa’s üblich wurden 35 und wie sie auch Müret (s. o.)im Interesse der Volksvermehrung empfahl, daher endlich jene Bekämpfung desHagestolzenthums bei sittlich versunkenen Völkern, theils durch Prämien, theilsdurch Strafandrohung, wie die Lex Julia et Papia Poppaea, theils durch Ausschlussvon Aemtern, Ehrenstellen u. s. w., wie sie neuerdings von den Damen des demimonde in Paris auch für Frankreich angeregt worden ist, denen dabei auch daseigene Interesse der Männer selbst entgegenkommt. Diejenigen dürften sich nämlichsehr täuschen, welche deshalb sich den Sorgen und Opfern, welche das Familien-leben fordert, entziehen, um in selbstsüchtiger Weise sich dadurch besser zu con-serviren, da nach statistischen Berechnungen das wahrscheinliche Lebensalter füreinen Hagestolzen geringer ist als für einen Verheiratheten desselben Alters, wiedenn nach den Berechnungen des Dr. Stark 36 von 100 im Alter von 21—25 Jahrenstehenden Ehemännern und Wittwern nur 0,507, von ebenso vielen Junggesellendagegen 1,174 %, ferner in der Altersklasse von 26 — 30 Jahren von jenen erstem0 , 865 , von diesen 1,369 % sterben, ein Unterschied, der sich in allen Altersklassensehr fühlbar geltend macht.

Man glaubte überhaupt, dass, da unstreitig die Fortpflanzung auf ehelichemWege nicht nur in sittlicher Hinsicht, sondern auch im Interesse der Vermehrungwegen der geringem Kindersterblichkeit bei Ehelichen als bei Unehelichen, beiWeitem der Vorzug verdiene, diese hauptsächlich von der verhältnissmässigen Zahlder Trauungen abhänge und dass der Staat also vor Allem darnach streben solle,eine Verminderung dieses Verhältnisses zu verhüten und vielmehr ein Steigen des-selben herbeizuführen, wie denn Süssmilch selbst empfahl, die Heirathsziffer, wosie 1 : 120 beträgt, auf 1 : 90—80 zu bringen, während Malthus von seinemantipopulationistischen Standpunkte aus vor Allem auf die Pflicht moralischer Ent-haltsamkeit Gewicht legte. 37

6. Ob bei einer katholischen Bevölkerung an sich schon und ohne Rücksichtauf die ökonomischen und Erwerbsverhältnisse weniger Ehen Vorkommen als bejeiner protestantischen, eine Frage, welche auch Horn S. 164 in den Kreis seinerErörterung gezogen und bejahend beantwortet hat, können wir nach den uns vor-liegenden Daten nicht entscheiden. Wohl sind, wenn wir von Appenzell I.-Rh. undBaselstadt, der dortigen anomalen Verhältnisse halber, absehen, die Kantone mitgrösster Heirathsfrequenz protestantische, die mit kleinster katholische. Allein dadie socialen und materiellen Verhältnisse, welche auf die Heirathsfrequenz influiren,in diesen Kantonen ganz verschieden sind, so lässt sich nicht bestimmen, welchenAntheil auch der allfällig vorhandene Einfluss der religiösen Verschiedenheit habenmag, man müsste denn in einer, weil a priori construirten falschen geschichts-pliilosophischen Ansicht befangen, jene verschiedenen socialen Verhältnisse als durchdie confessionelle Verschiedenheit und diese selbst wieder als durch sociale und

35 Vergl. Roscher I 255, dem wir dies entnommen. Malthus Bk. IV Ch. 10. — 36 Vergl.Norddeutsche Allgem. Zeitung No. 73, 27. März 1867, und Zeitschrift für Schweiz. Statistik1867, April- und Maiheft S. 89. — 37 Buch 1 Cap. 4. Bernoulli S. 172.