Ueber Freyheit und Nichtfreyheit des Menschen. l 17
hieher und nicht weiter — aber so weit! ruft Gottes Stimme Wahrheit, Physiognomik jedemMenschen zu, der Ohren hat zu hören: Sey, was du bist, und werde, was du kannst.
Jedes Menschen Physiognomie und Charakter kann sich erstaunlich verändern; aber dochnur auf eine so und so bestimmte Weise. Jeder hat einen großen Spielraum — der kleinste ein gutgroß Stück Feld, auf welches er mancherley, nach des Bodens Art, säen kann. Aber er kann nurden Saamen säen, den er empsieng, und nur den Boden bauen, anf den er hingestellt ist. Indem großen Hause Gottes sind zur Ehre des Hausherrn goldene, silberne und hölzerne Gefäße;alle tauglich, alle nützlich — alle Gottesempfänglich; alle Werkzeuge der Gottheit — alles Ge-danken, Offenbarungen von ihm! Alles Worte seiner Kraft und Weisheit — aber das Hölzernebleibt hölzern, das Silberne silbern, das Goldene golden. Das Goldene kann ungebraucht ver-öltem; aber es bleibt golden. Das Hölzerne kann nützlicher werden, als das Goldene; aber esbleibt hölzern. Keine Erziehung, keine Anstrengung, kein Aufstreben der Imagination ohne tiefeinnere Ahndung und Gefühl der Kraft — kann uns eine andere Natur geben. Laß jeden Men-schen das seyn, was er ist; und sey du das, und nichts anders, als was du bist; so bistdu Gott und Menschen und dir selber gut genug. — Bist du Violin — willst du Flöten-ton aus dir erzwingen? Bist du Trompete — willst du schallen lernen wie die Trommel ? Aberdieselbe Violin, so oder so gespannt, so oder so gehalten — so oder so gestrichelt — wie unendlichmannichfaltige Töne kann sie von sich geben—nur keinen Flötenton — so wenig die Trommel trom-peten kann! Aber wie unendlich verschieden kann die Trommel gerührt werden!
Mit einer schlechten Feder kann ich nicht schön schreiben; aber schön und schlecht mit einerschönen. Ich kann nicht Weisheit reden, wenn ich dumm bin; aber dumm reden, wenn ich weisebin. Nicht geben, wenn ich nicht habe; aber wenn ich habe, geben, oder behalten, brauchen, odernicht brauchen. Mit tausend Gulden kann ich kaufen nicht alles, was ich will — aber dennochsteht es mir frey, unter unzähligen Dingen, deren Werth diese Summe nicht übersteigt — auszu-lesen. Also bin ich frey und nicht frey; von meiner innern und äußern Organisation hängt dieSumme meiner Kräfte, der Grad meiner Aktivität und Passivität ab. Von den äußern Umstän-den, Erweckungen, Veranlassungen, Menschen, Büchern, Schicksalen, der Gebrauch, den ichvon dem bestimmten Maaße meiner Kräfte machen kann. Nicht an jemandes Wollen oder
P z Laufen