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Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
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16
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EEE

Drittens der verhängnisvolle Umſtand, daſſ um dieſelbe Zeit, inder das Pennyporto aufkam, auch die Eiſenbahnen in England ihrengroßartigen Aufſchwung nahmen. Man hätte nun erwarten ſollen,daſſ die Eiſenbahnen die Ausgaben für die Briefbeförderung verbilligthätten. Das Gegenteil war der Fall! Die Ausgaben ſtiegen, ganzSunabhängig vom Pennyporto, in einer erſchreckenden Weiſe.Das Publikum verlangte die Briefbeförderung mit der ſchnellſten Ge-legenheit, und die Poſtverwaltung muſſte nachgeben. Die Eiſen-bahnen aber, in ſchamloſer Ausbeutung ihres Privatmonopols, fordertenfür die Beförderung der Briefe, ſelbſt wenn ſie nicht in einem be-ſonderen Poſtwaggon befördert wurden, ſo hohe Summen und er-hielten ſie, daſſ ſelbſt der größte Aufſchwung infolge des billigenEinheitsportos dieſe Mehrausgaben nicht zu decken vermochte. DieAusgaben des engliſchen Poſtweſens hatten im Jahre 1839 betragen631000 Pfund Sterling; ſie waren allein durch die Benutzung derEiſenbahnen im Jahre 1841 geſtiegen auf 805000 Pfund Sterling,d. h. um ungefähr 3 ½ Millionen Mark.

Noch eine e. Seite des Pennyportos und ſeiner Folgenmuſſ hervorgehoben werden beim Vergleich mit den zu erwartendenFolgen eines Einheitstarifs im Eiſenbahnverkehr. Rowland Hill hatteals Vorbedingung des Gelingens ſeiner Reform eine ſtarke Zunahmedes Briefverkehrs hingeſtellt, und die Wahrſcheinlichkeit einer ſolchenkonnte allerdings kein Menſch mit geſunden Sinnen leugnen. Derengliſche Generalpoſtmeiſter ging in ſeiner blinden Abneigung gegendie Neuerung ſogar ſo weit, daſſ er die zu erwartende Steigerungdes Briefverkehrs furchtbar übertrieb. Im Ausſchuſſ der Parla-ments⸗Enquête warnte er die Mitglieder mit den Worten: der ganzeRaum, auf dem jetzt das Hauptpoſtamt ſtehe, werde nicht ausreichen,um nur die Briefe und Beamten aufzunehmen, worauf Rowland Hill dem Dummkopf ruhig erwiderte: um ſo beſſer, dann muſſ dasPoſtamt erweitert werden; die Poſt muſſ ſich nach der Korreſpondenz,nicht die Korreſpondenz nach der Poſt richten.

Nun hat aber der Briefverkehr nach der Einführung des Penny-portos, gewiſſ eines niedrigen Satzes, in England keineswegs die un-geheuer ſchnelle Zunahme erfahren, welche man bei oberflächlicherBetrachtung erwarten mochte. Der Verkehr nahm im erſten Jahre

nur zu um 122 ¼%. Erſt nach 14 Jahren war er auf das51fache geſtiegen; 1870, alſo nach 30 Jahren, auf das 10 fache.

Auch dieſe Zahlen haben voreilige Kritiker als einen Miſſerfolgdes Syſtems hingeſtellt. Wer indeſſen den Kulturzuſtand Englandsum das Jahr 1840 kennt, der wird ſich nicht ſonderlich wundern, daſſſelbſt ein ſo billiger Tarif wie der von 1 Penny dennicht gleich ins Unendliche ſteigerte, ſondern zunächſtnur um 122 ¼˖%Jede namhafte Steigerung auf dem Seehenhehhängt davon ab, ob es gelingt, die große Maſſe des