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Volkes heranzuziehen. Ein Volk, in welchem die Zahl derSchreibkundigen eine verhältnismäßig geringe iſt, kann einen noch ſobilligen Brieftarif erhalten,— die Zahl der Briefe wird nicht namhaftzunehmen. Damit eine Nation von einem billigen Tarif für Brief-beförderung einen maſſenhaften Gebrauch mache, iſt vor allem er-forderlich, daß die Maſſe— ſchreiben und leſen könne. Wie trauriges mit der Volksbildung in England und nun erſt in Irland um1840 ausſah, das lehrt gerade der Umſtand, daſſ trotz dem weſentlichverbilligten Tarif der Briefverkehr ſich doch zunächſt nur etwas mehrals verdoppelte. Übrigens darf man nicht vergeſſen, daſſ einem Volkauch einige Zeit gelaſſen werden muſſ, um ſich an einen unerhörtbilligen Tarif zu gewöhnen. Das„latente Bedürfnis“ mag noch ſogroß geweſen ſein,— ſelbſt nach Niederlegung der Schranken bricht esnicht gleich mit voller Kraft zu Tage.
Auch bedarf es zur kräftigen Steigerung des Briefverkehrs einesweit verzweigten Netzes von Poſtanſtalten, und deren Zahl war 1840noch eine ſehr dürftige in England. Der billigſte Tarif iſt nicht im-ſtande, einen großen Verkehr hervorzurufen, wenn es an Anſtaltenmangelt, die ihn befriedigen können.
Ich glaube, aus dem Vergleich mit der Briefpoſt wird wenigſtensſo viel klar, daß die Zunahme des Briefverkehrs eine Schranke hat,von welcher der Perſonenverkehr nichts weiß: die Fähigkeit, von demVerkehrsmittel Gebrauch zu machen. Einen Brief ſchreiben kann nichtjeder, kann die ganze halbwüchſige Bevölkerung nicht; man darf viel-leicht ſagen, daſſ überhaupt nur der vierte Teil jedes ziviliſirtenVolkes dazu imſtande iſt oder das Bedürfnis empfindet. Reiſen da-gegen kann ſo gut wie jeder: der Säugling an der Mutter Bruſt,wie der Greis am Stabe, ja der Krüppel an der Krücke. In dieſerBeziehung ſtehen die Ausſichten für eine Steigerung des Reiſeverkehrsunendlich günſtiger als für die des Briefverkehrs.
Der Vergleich zwiſchen dem Einfluſſ des billigen Einheitstarifesauf den Briefverkehr und dem auf den Perſonenverkehr ſpricht nochin vielen anderen Hinſichten zu Gunſten des Perſonenverkehrs. DieKoſten der Verwaltung wachſen zweifellos mit jedem Briefe, der mehraufgegeben wird. Sie wachſen natürlich nicht genau in demſelbenVerhältnis wie die Zahl der aufgegebenen Briefe; aber unſtreitigkoſten 101 Briefe ein weniges mehr an Expeditionskoſten als.100 Briefe. Man vergeſſe nicht den Unterſchied zwiſchen der Be-förderung eines Briefes und eines Menſchen: eines toten, willenloſenGegenſtandes— und eines denkenden, für ſich beſorgten, lebendenWeſens. Jeder Brief muſſ einzeln„bearbeitet“ werden. Er muſſauf ſein Gewicht geprüft werden, wenn auch noch ſo oberflächlich; esmuſſ nachgeſehen werden, ob er richtig frankirt iſt; er muſſ ſortirtverpackt, eingeladen, ausgeladen, ausgepackt, wieder ſortirt, ausgetragenwerden. Von den vielen Ausnahmefällen, in denen die richtige Be-2
E. Engel, Der Zonentarif.