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Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
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ſorgung eines Briefes an ſeine Adreſſe eine außergewöhnliche Mühe-waltung macht, gar nicht zu reden. Man mag das Syſtem derBriefbeförderung noch ſo ſehr vereinfachen, es kann nicht aus-bleiben, daſſ mit der zunehmenden Zahl der Briefſendungen auch dieZahl der Beamten, der Veranſtaltungen aller Art für die Expeditionim weiteſten Sinne, zunehmen muſſ. Die Behauptung, daſſ es dieKoſten nicht vermehre, gleichviel ob 100 oder 1000 Briefe in einenBriefbeutel geſtopft werden, iſt kindiſch; es kann nicht ein Brief hin-eingeſtopft werden, der nicht vorher bearbeitet worden iſt, und dieſerBearbeitung koſtet Geld, viel Geld.

Wie ungemein günſtiger liegen die Verhältniſſe bei der Per-ſonenbeförderung! Freilich: ein Menſch beanſprucht mehr Bequemlich-keit, alſo namentlich mehr Raum, als ein Brief oder ein Packet. Dasiſt aber auch das einzige, was ihn vom Standpunkt des Befördererszu Ungunſten eines Briefes oder Packetes unterſcheidet. In jederandern Beziehung erleichtert der Menſch dem Beförderer ſein Ge-ſchäft. Er bietet ſich von ſelbſt der Unterſuchung dar auf ſeine ge-nügendeFrankirung. Er ſortirt ſich ſelbſt, d. h. er ſucht ſich ſelbſtſeinen Eiſenbahnzug, wenn man es ihm durch mangelhafte Einrich-tungen nicht gar zu ſchwer macht ihn zu finden. Er ſortirt ſich auchnach Möglichkeit gleich in den richtigen Waggon, wenn man ihm dasdurch leſerliche Aufſchriften nur einigermaßen erleichtert. Er lädt ſichſelbſt ein, lädt ſich unterwegs um, lädt ſich ſelbſt aus, befördert ſichdann ſelbſt an ſeine Adreſſe. Würde ſich die Eiſenbahnverwaltungnur nicht gewaltſam um ihn kümmern, ihn bemuttern, ihn bevor-munden, ihn kontroliren, ihn durch törichte Einrichtungen zum hilfloſenKinde machen, welches um jeden Quark der Auskunft eines Beamtenbedarf, die Beförderung von Menſchen würde, anſtatt wie jetzt zueiner Laſt, beinah zu einem Vergnügen und namentlich zu einer un-erſchöpflich fließenden Einnahmequelle für die Eiſenbahnverwaltungenwerden.

Der einzige Unterſchied zu Ungunſten des reiſenden Menſchengegenüber dem beförderten Brief beſteht in ſeinem größeren Anſpruchan Raum, überhaupt an Komfort. Dafür ſoll er aber auch gehörigbezahlen; nach meinem Vorſchlag bis zum 60 fachen, ja in gewiſſenFällen bis zum 120 fachen eines Briefes! bis zum 12fachen oder.24 fachen eines Packets! Viel mehr möchte ich ihm trotz ſeinen An-

ſprüchen an Komfort und Raum nicht aufpacken, denn er erleichtertmir ja das Geſchäft der Expedition in einem ſolchen Maße, daſſ ichüberhaupt nichts weiter zu tun habe, als den Eiſenbahnzug nur immergeradeaus rollen und von Zeit zu Zeit anhalten zu laſſen. Obgleichder Menſch bei gefülltem Koupé wohl das 20fache eines Packets anRaum und Komfort beanſprucht, begnügt er ſich mit weniger als ½behördlicherBehandlung, verlangt weder Buchung noch Stempelung,noch Wägung, noch überhaupt individuelle Abfertigung, alſo