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Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
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hat das ſehr allmählich eingeſehen. Was lehrt denn die ganze GeſchichtederBilletvergünſtigungen anderes, als daſſ die Tarife für dieArmen zu teuer ſind? Das bloße Vorhandenſein der IV. Klaſſe iſtſchon ein Beweis für die ſtille Erkenntnis: die Preiſe für einemenſchenwürdige Beförderung ſind zu hoch, ſind unerſchwinglich hochfür die große Maſſe des Volkes. Obgleich die IV. Klaſſe fürlängere Fahrt zu elend für ordentlich gehaltenes Vieh iſt, wird ſiedoch von mehr als 77 Millionen Menſchen benutzt, von mehr alsdem Doppelten der II. und I. Klaſſe zuſammengenommen! Selbſtdie geringſte Erſparnis an Geld beſtimmt dieſe 77 Millionen Menſchen,ſich in den Viehkäſten, IV. Klaſſe genannt, einpferchen zu laſſen.Die amtliche Statiſtik für 1888/89 belehrt uns aber, daſſ der Durch-ſchnittspreis des Perſonen⸗km in der III. Klaſſe betrug 3, 16 Pfg.,in der IV. Klaſſe 2%% Pfg.

Die Frequenz der IV. Klaſſe und ihr Verhältnis zu der derübrigen Klaſſen iſt ſehr lehrreich für die Gefahr oberflächlicher Ver-wertung ſtatiſtiſcher Zahlen. Nimmt man nur die rohe Endzifferfür die IV. Klaſſe nach der Reichsſtatiſtik, ſo lautet ſie auf nur22% aller beförderten Perſonen. Ganz anders ſtellt ſich dieſeZiffer, wenn wir erwägen, daſſ faſt die Hälfte aller deutſchen Bahnenüberhaupt keine IV. Klaſſe beſitzt, daſſ ferner ſelbſt auf den Bahnen, woſie beſteht, nur eine ſehr beſchränkte Zahl von Zügen ſie führt. Trotzallen dieſen Beſchränkungen ſtellen ſich die Frequenzziffern für vielederjenigen Bahnen, welche die IV. Klaſſe führen, für dieſe Klaſſe aufüber 50% aller beförderten Perſonen! Für die Preußiſchen Staats-bahnen beträgt die Durchſchnittsbeteiligung der IV. Klaſſe faſt 30%trotz der beſchränkten Zahl von Zügen, in denen ſie zugelaſſen iſt.

Auch der Anteil der IV. Klaſſe an der Einnahme aus demPerſonenverkehr iſt bei vielen Bahnen ein außerordentlich hoher; erbewegt ſich vielfach in den 20 bis 40 und mehr Prozent, überſteigtin mehreren Fällen ſogar 50%. Wenn die Bahnverwaltung dieIV. Klaſſe in allen Zügen führte, ſo würden wir erleben, wie dasPublikum wegen der zu hohen Tarife zum überwiegenden Teile ſichmit dieſer menſchenunwürdigen Klaſſe begnügte.

Ferner haben wir als Zugeſtändnis der Teuerkeit der Tarifedie Retourbillets. Die Zahl der Perſonen, welche mit Retourbilletsgefahren ſind, betrug 41,04% ſämtlicher beförderter Perſonen, näm-lich 139 466 942 von 339 864 460!

Dazu iſt dann in neueſter Zeit die famoſe Einrichtung der feſtenund der kombinirbaren Rundreiſebillets gekommen, natürlich nur fürdie armen Reichen und Wohlhabenden. Was ſind aber auch dieRundreiſebillets anderes als das verblümte Eingeſtändnis, daſſ einegroße Zahl von notwendigen Reiſen mit gewöhnlichen Billets über-haupt nicht möglich iſt? Die Rundreiſebillets werden zum großenTeil zu Vergnügungszwecken, alſo von nicht armen Leuten benutzt.