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beſonders großem Anteil auf die I. Klaſſe. Die Beſetzung der Plätzebetrug von 100 rollenden: in der I. Klaſſe 8%, in der II. Klaſſe19,385%, in der III. Klaſſe 24,5%, in der IV. Klaſſe 31,3,3%.Man ſieht alſo, wie man ſich irrt, wenn man bloß auf den gelegent-lichen Augenſchein hin meint, die III. und namentlich die IV. Klaſſeſeien ja„mindeſtens halb voll.“
Ob es nicht verlohnte, darüber nachzudenken, wie man von denangebotenen rollenden 100 Plätzen die leerbleibenden 91 der I., 80.der II., 75 der III., 69 der IV. Klaſſe einigermaßen füllen könnte?!Wagt ein einziger Eiſenbahn⸗Direktor, oder ſie alle zuſammen, derganze Verein deutſcher Eiſenbahnen, ſämtliche EiſenbahnminiſterDeutſchlands — wollen ſie etwa die Behauptung wagen, daſſ ſchon dasMenſchenmögliche geſchehen ſei, um dieſen erſchrecklichen Zuſtand derVergeudung von Volksvermögen zu beſeitigen, um die ungezähltenMillionen von Menſchen, welche gern reiſen möchten, aber nicht können,an die 76 leeren Plätze von 100 zu ſchaffen?!
Muſſ es immer bei dem jetzigen Zuſtande bleiben, wonach dieEinnahme aus dem Perſonenverkehr nur ungefähr 26% der geſamtenEinnahme der Eiſenbahnen beträgt? Dieſer Prozentſatz iſt heute nochniedriger als im Jahre 1868! Ein deutlicher Beweis, wie ein dauerndzu hoher Tarif auch dauernd einen geringen Verkehr und relativniedrige Einnahmen zur Folge hat. Gelänge es, die Zahl derReiſenden auch nur zu verdoppeln,— für eine Verwaltung, die mitverſtändigem Tarif wirtſchaftet, ein Kinderſpiel, wie die ungariſchenStaatsbahnen bewieſen haben—, ſo würde der allergrößte Teil derBrutto⸗Mehreinnabmen reiner Überſchuß ſein. Leider hat ſich bei denmeiſten unſerer Eiſenbahnverwaltungen der törichte Aberglauben feſt-geſetzt: der Perſonenverkehr iſt überhaupt nur eine Laſt, und ſie—ſich in Folge deſſen gar keine Mühe gegeben, durch zweckmäßige Tarif-reformen in großem Stil die Zahl der Reiſenden zu vermehren.
Noch an einem andern Beiſpiel läſſt ſich die Unhaltbarkeit desjetzigen Syſtems nachweiſen. Welches Weichſelzopfes von Überfracht-Tarifen wir in Deutſchland uns zu erfreuen haben, habe ich frühergezeigt. Auf acht deutſchen Eiſenbahnen wird Freigepäck überhauptnicht gewährt, auf den andern nur 50 Pfund. Mindeſtens ein Ge-päckwagen läuft in jedem Perſonenzuge. Ihn nach Möglichkeit aus-zunutzen, läge im wohlverſtandenen Intereſſe der deutſchen Eiſenbahnen.Was iſt aber das Ergebnis der unverſchämt teuren Gepäcktarife? Daſſim ganzen Reichsgebiet im Jahre 1888/89 auf ſämtlichen Eiſenbahnenzuſammengenommen(einſchließlich„Hunde⸗ und ſonſtige Einnahmen“!)nur die Summe von 9 934 380 Mark erzielt wurde. Iſt das nichtwahrhaft kläglich? Decken dieſe noch nicht 10 Millionen M. die Koſtenfür die Gepäckbureaubeamten, für die Gepäckräumlichkeiten, Utenſilien,Waggons,(einſchließlich Verzinſung, Erneuerung ꝛc.), Waggonbeförderungund Waggonbegleitung? Ganz ſicher nicht! Dabei ſind die meiſten