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Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
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46
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Gepäckwagen ſo gut wie ganz leer! Die Eiſenbahnverwaltungzwingt den Reiſenden förmlich die kleinen Handköfferchen auf. Esmag im Intereſſe der Leichtigkeit des Reiſeverkehrs überhaupt wünſchens-wert ſein, daſſ die Reiſendenwelt lerne, mit wenig Gepäck auszukommen.Im Intereſſe der Eiſenbahnverwaltung aber liegt es ganz gewiſſ nicht,da ſie doch einmal Gepäckwagen laufen laſſen muſſ, von ihrer Be-nutzung durch unſinnige Tarife abzuſchrecken.

Habe ich zu viel geſagt, wenn ich behauptete, daß die Gepäck-tarife jetzt unſinnig hoch ſind? Ein einziger nicht mal allzu ſchwererKoffer kommt ſchon auf eine mäßige Entfernung viel teurer zu ſtehenals eine dem Gewicht des Koffers entſprechende größere Zahl vonPoſtpacketen, welche nach verſchiedenen Richtungen befördert und bisins Haus des Adreſſaten geſchafft werden. Aufgegebenes Gepäck von30 k(21 k koſten übrigens genau ebenſoviel wie 30 k) koſtet fürnur 300 km auf den preußiſchen Staatsbahnen durchſchnittlich 4, M.Sechs Poſtpackete dagegen von je 5 k an 6 verſchiedene Adreſſenkoſten nur 3 M. Es iſt doch zweifellos, daſſ die Beförderung der6 Packete der Poſt unendlich viel mehr Mühe verurſacht, als derEiſenbahnverwaltung ein Koffer von 30 k. In Bayern und imübrigen Süddeutſchland iſt das Gepäck noch teurer.

Aber es kommt noch beſſer. Ein aufgegebener Kofferkoſtet in vielen Fällen mehr als die Beförderung einerPerſon. Die Reiſe eines Koffers von 50 k koſtet im Bereich derpreußiſchen Bahnen auf eine Entfernung von nur 300 km: 520,5020300 Pfg.= 7 M. Eine Perſon, im Gewicht ungefähr gleich 50 k,koſtet in der IV. Klaſſe für dieſelbe Entfernungnur 22300 Pig6 M. Nimmt man das Durchſchnittsgewicht eines Menſchen höherals einen Centner an, ſo wird der Unterſchied zu Ungunſten desPreiſes des gleich ſchweren Koffers natürlich noch größer! Ein Koffervon 75 k(nach der Reichsſtatiſtik Durchſchnittsgewicht eines Menſchenincl. Handgepäck) koſtet auf 300 km 12 M.! Ein Menſch im SchnellzugIII. Klaſſe(mit Retourbillet) fährt billiger: für 9 M. Man thätegut, wenn man für ſeinen Koffer ein Perſonenbillet löſte! Weralſo, wie ich, ſchon die jetzigen Perſonenpreiſe unerträglich teuer findet,der wird ein noch ſchärferes Urteil fällen müſſen über die unverzeihlicheGeldſchneiderei der Eiſenbahnen beim Gepäck, eine Geldſchneiderei,welche die Eigentümlichkeit hat, in zwei Beutel zu gleicher Zeit zuſchneiden: in den des Publikums und in den der Eiſenbahnen.

Wie jämmerlich es jetzt mit derFüllung der Gepäckwageninfolge der unſinnigen Tarife ſteht, beweiſt folgende Zahl. Ein Ge-päckwagen, der 200 Centner wiegt und 200 Centner Tragkraſt hat,enthält durchſchnittlich nur 4 Centner Ladung, und das trotz dem Frei-gepäck von 25 k auf vielen Bahnen! Hier liegt ein deutlicher Beweis vor,wie durch einen ſinnloſen Tarif der Verkehr faſt auf ein Nichts reduzirtwird. Das iſt um ſo toller, als es ſich hier kaum um einen neu zu