7. Kapitel.Wie muſſ tarifirt werden?
Welches iſt der gegenwärtig herrſchende Zuſtand der Tarifirungauf den deutſchen Eiſenbahnen— Es herrſcht der Entfernungs-tarif, d. h. der Fahrpreis ſteigt für jede Klaſſe, auf Grund einesPreiſes für das einzelne Kilometer, genau nach der Zahl der zurückgelegtenKilometer. Die Eiſenbahn räſonnirt über den Grund dieſes Tarifs nichtlange mit dem Publikum. Nur wenn einmal ein Unzufriedener andem beſtehenden Tarif rüttelt, dann kommen die wohlweiſen Fach-männer, die ſelber ihre Tarife nie bezahlen, und„beweiſen“,daſſ dieſer Tarif der beſte in der beſten der Welten iſt: denn 1) wachſenja die„Selbſtkoſten“ der Eiſenbahnen genau im Verhältnis zur Zahlder zurückgelegten Kilometer; 2) wachſe die„Leiſtung“ für den Reiſendengenau im Verhältnis zur Zahl der von ihm zurückgelegten Kilometer.
Wendet man gegen dieſe Tarifphiloſophie ein:„daſſelbe müſſtedoch auch bei der Brief⸗ und Packetpoſt gelten, und dennoch gibt esdort keinen Entfernungstarif“, ſo lautet die tiefgründige Antwort:„Briefe und Packete einerſeits und Menſchen andrerſeits ſind dochzweierlei.“ Wobei übrigens gleich einzuſchalten iſt, daſſ der roheEntfernungstarif von den Eiſenbahnen ja auch auf ſo tote und denPacketen und Briefen ſo gleichartige Gegenſtände wie die Gepäckſtückeangewendet wird!
Indeſſen: iſt es nicht eigentlich der reine Einheitstarif, daſſalle Menſchen zwiſchen 4 und 10, und alle über 10 Jahre vor demTarif gleich ſind?! Von Leiſtung und Gegenleiſtung iſt doch ſicherkeine Rede mehr, wenn ein erwachſener, korpulenter Mann vonreichlich 100 k genau nur daſſelbe bezahlt wie ein ſchmächtigesBürſchchen von 15 Jahren und 35 k. In Bezug auf Gewichtherrſcht der Einheitstarif für Menſchen; für Gepäck herrſchter nicht!
Die Eiſenbahn unterſcheidet auch inſofern nicht Leiſtung undGegenleiſtung, als ſie mit wenigen Ausnahmen(für teure Tunnels,Brücken ꝛc.) ganz gleichmäßig tarifirt für ſchwierige Bahnſtrecken wiefür leichte.
Sodann hat ſie in neuerer Zeit den rohen Entfernungstarifauch inſofern durchbrochen, als ſie Rabatte gewährt. Allerdingsſehr drollige„Rabatte“! Sie gewährt ziemlich denſelben Rabattzwei ganz verſchiedenen Käufern: den Käufern von wenigen Kilo-metern und den Käufern von ſehr vielen; dagegen einer großen Zahlvon guten Käufern gar keinen. Sie gewährt einen Rabatt vonungefähr 25— 55% allen denjenigen, welche mindeſtens 600 km unter