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Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
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71
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die Kontrole übt, hat ſich nur zu überzeugen, ob das Billet denrichtigen Tagesſtempel trägt, welcher deshalb in möglichſt großenZiffern einzudrücken iſt. Von jetzt ab iſt der Reiſende vollkommenfrei, zu reiſen, wohin er will, und er braucht während der ganzenReiſe ſein Billet nur im Falle einer außerordentlichen Reviſion vor-zuzeigen.

Rieſenplakate mit weiſenden Händen an hohen Stangen zeigenihm den Zug, deſſen er bedarf; das Plakat lautet: Schnellzug nachBerlin (Stadtbahn) über Dirſchau , Konitz , Schneidemühl , Kreuz,Küſtrin . Ein anderes Rieſenplakat an einem der durch eine be-ſtimmte Farbe leicht erkennbaren Wagen II. Klaſſe ruft ihm zu:nach Berlin (Stadtbahn)! Er ſteigt ein, ohne einen Beamten durchüberflüſſiges Fragen beläſtigt zu haben; er könnte auch lange ſuchen,ehe er einen ſogenanntenSchaffner fände. Der Zug fährt ab undbringt ihn pünklich nach Berlin (Friedrichſtraße ). Der Reiſende hathier Zeit, in die Reſtauration zu gehen; nur muſſ er ſich hüten, dasBahnhofsgebäude zu verlaſſen, denn in der Vorhalle ſteht der Kontroll-beamte, welcher ihm beim Durchſchreiten der Schranke das Billet ab-fordert und abnimmt. Er müſſte alſo beim Wiedereintritt ein neuesBillet löſen. Er ſpeiſt in der Bahnhofsreſtauration gut und billig,ſteigt wieder die Treppe zum Bahnſteig hinauf; niemand fragt ihn nacheinem Billet. Dort ſteigt er in einen deutlich mitnach Frankfurt a. M.bezeichneten Wagen II. Klaſſe und kommt am Ziel ſeiner Reiſe nachzuſammen etwa 16 ſtündiger Fahrt an. Beim Verlaſſen des Bahn-ſteiges gibt er ſein Billet endlich ab, erhält im Gepäckraum ſeinebeiden Koffer gegen Abgabe ſeines Empfangſcheines und hat für 4 M.dieſelbe Reiſe von Danzig nach Frankfurt a. M. gemacht, welche jetzt66,, M. koſtet.

Möglich, daſſ an dieſer Stelle ein Leſer ausruft:Und die-Eiſenbahnverwaltung hat 62,, M. weniger erhalten, als ſie jetzt er-halten würde. Vielleicht! vielleicht auch nicht! Mit demſelbenRecht und mit einem größeren kann ich behaupten: Die Eiſenbahnverwaltung hat 2, und mit der Gepäcktaxe 4 M. mehr erhalten, alsſie jetzt erhalten würde. Denn aller Wahrſcheinlichkeit nach hättemein Reiſender die Reiſe bei einem Preiſe von 66,, M. überhauptunterlaſſen! Es gibt unendlich viel mehr Reiſende, welche die Reiſevon Danzig nach Frankfurt a. M. wegen des Preiſes von 66, M.unterlaſſen, als ſolche, welche ſie trotz dieſem Preiſe unternehmen.Und das iſt der Humor davon!