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Die Küsten und ihre Gestalt.
des Flächenraumes ist die, zu welchem Meeresabschnitte man Zwischen- oderBinnenmeere schlägt und wie man die vage Grenze zwischen Meer und Meer zieht.So hat beispielsweise Krümmel das Weltmeer nicht nur in drei Oceane und zweiPolarmeere getheilt, sondern überdies Zwischenabtheilungen durch die Rubriken„M ittelmeer” und „Randmeer” geschaffen. Er unterscheidet beispielsweise einAustralisch-asiatisches Mittelmeer, ein Amerikanisches Mittelmeer u. s. w. Dann einKritisches Randmeer, ein Ostchinesisches, Japanisches, Ochotskisches Randmeer u. s. w.
Innerhalb der oben angegebenen Grenzen, einschliesslich ihrer seitlichenGliederungen, ist die Grösse der fünf grossen Oceane annähernd die folgende:Stiller oder Grosser Ocean . 175*6 Mill. Quadr.-Kilom. (3*190 Mill. Quadr.-Meilen)
Atlantischer Ocean
. 88-6 „
r
(i'6io *
n
)
Indischer Ocean . . .
- 74*o „
r
(i'340 »
r>
)
Südliches Eismeer . . .
• 20-5 „
n
(0-372 »
n
)
Nördliches Eismeer
• 15*3 „
n
(0-278 „
n
)
Gesammte Meeresfläche 374*0 Mill. Quadr.-Kilom. (6790 Mill. Quadr.-Meilen)
Das vom Meer bespülte Land.
Die gegenwärtigen Urnrisslinien der Continente reichenin Bezug auf ihre hauptsächliche Gestaltung weit in vorhisto-rische Zeiten zurück. Die Trennung von Festland und Meer wardie grossartigste und für die Oberflächengestalt unseres Planetenentscheidende Etappe in der Entwickelungsgeschichte desselben.Fast jede geologische Epoche weist — gestützt auf sogenannteideale Kartenbilder — auffällige Abweichungen von der voran-gegangenen oder nächstfolgenden auf.
Im Allgemeinen theilt man die Küsten in Steil- undFlachküsten. Ihre Definition liegt in ihrer Bezeichnung. Siesind gleichzeitig die Objecte von zwei entgegengesetzten Thätig-keiten des Meeres; denn wenn auch das Meer leichter Herrüber flache Gestade wird, lehrt gleichwohl die Erfahrung, dassLandbildungen nur an Flachküsten, Landverluste dagegennur an Steilküsten Vorkommen. Von Zeit zu Zeit vernichtet derOcean seine eigenen Gebilde und wälzt gewaltige Wasser-massen — die Dünen, welche er gebildet hat, durchbrechend —in das Hinterland. Wir werden auf diese Erscheinung nochausführlicher zurückkommen.
Die Form der Steilküsten bietet die grossartigsten undabwechslungsreichsten Bilder. Jedermann hat von den pittoreskenZerklüftungen und Küstenrissen vernommen, welche man Fjordenennt. Die Fjorde in ihrer heutigen Gestalt sind aber keines-wegs das, was sie früher waren. Die Gletscher, welche einstdie ganze skandinavische Halbinsel bedeckten, füllten die durchältere geodynamische Vorgänge hervorgerufenen Spaltungen
Cap Lizard (südwestlichste Spitze von Grossbritannien).
und Zerklüftungen aus und verwehrten dem Meere den Zugangzu denselben. Nach dem Hereinbruche einer neuen geologischenEpoche und dem Zurücktreten der Gletschermassen war demMeere kein Damm mehr entgegengestellt. Die schroffen Fels-wände wurden „modellirt”, ausgewaschen, zerbröckelt; dieTiefen der Fjorde durch die Geröll- und Schuttablagerungender Gletscher und Bergmassen verseichtet.
Diese ausgleichende Thätigkeit kommt besonders auf-fallend an minder steilen Küsten zur Geltung. Die Folge ist,dass das Kartenbild der meisten Küsten lange nicht jeneMannigfaltigkeit besitzt, wie sie eine „ideale” Küstenkarte dar-bieten würde, wenn wir uns den Meeresspiegel etwa um 100 bis200 Faden emporgehoben denken würden. In diesem Falle gäbe
Steilküste von Irland.
es eine Unzahl von Baien, Buchten, Fjorden, langgestrecktenund vielfach gewundenen Meerescanälen.
Ein classisches Beispiel von einer Steilküste, auf welche das Meer umformendwirkt, giebt uns die Südwestküste von England ab. Um Cap Lizard erheben sichFelsen, die in scharfen Zinken, Hörnern, Säulen, in rauhen und glatten Wänden, indas tosende Meer abtauchen. Es hat einen guten Angriffspunkt, hier, wo die Spitzedes Landes ihre eherne Brust dem breiten Wogenschwalle des Oceans entgegenhält.Seit unendlichen Zeiten ringt hier das Meer um neuen Raum. Aber das Zerstörungs-werk geht gleichwohl langsam vor sich, so dass die Generationen, welche einanderfolgen, sichtliche Zeichen hiervon nicht wahrnehmen. Wenn freilich ein Kenner dieserKüstenlandschaft aus längst entschwundenen Jahrhunderten dieselbe wieder in Augen-schein nehmen könnte, würde er allenfalls berichten von diesem oder jenem gigan-tischen Pfeiler, der nicht mehr ist, von Wänden, die er gekannt, die nun zerbröckeltdem Einsturz drohen, von massigen Klippen, welche in Trümmer zerfallen sind, undvon Vorgebirgen, die nun Klippen, mit Löchern und Thoren, vorstellen.
Was die lineare Gestalt der Küstenumrisse anbetrifft,weiss man allgemein, dass dieselbe die mannigfaltigsten Formenaufweist. Küsten mit ausgesprochen geradlinigem Verlaufe sindnur streckenweise anzutreffen. Die meiste Disposition zu dieserForm haben die Flachküsten, wo die Dünenbildung wesentlichzu einer geradlinigen Uferbegrenzung beiträgt. Steilküsten vondem gleichen linearen Grundriss sind selten.
Wo die Küste nicht geradlinig, sondern in einer unregel-mässigen Curve verlauft, entstehen sogenannte Baien, Buchten,wenn sie von geringerem Umfange; Golfe, wenn sie vongrösserem Umfange sind. Die festländische Begrenzung solcherEinbuchtungen bedingt zum Theile das Hinausgreifen vonLandstrecken, die je nach Form und Grösse verschiedene Namenführen. — Vorsprünge von geringer Ausdehnung nennt man,falls sie an Steilküsten auftreten, Caps oder Vorgebirge. —Greift das Land auf grössere Entfernung ins Meer aus, sospricht man (ob nun Flach- oder Steilküste) von Landzungen.Grössere, oft sehr ausgedehnte Landgebiete, welche auf dreiSeiten vom Meere bespült werden, auf der vierten Seite abermit dem Hinterlande (Continente) Zusammenhängen, bezeichnetman schlechtweg als Halbinseln. Es giebt Landbildungendieser Art, welche eine sehr respectable Ausdehnung haben, beiwelchen also die Bezeichnung als „Halbinsel” kaum mehr gerecht-fertigt ist, wie beispielsweise bei Arabien und Indien. — Skan-dinavien, die Iberische und Italische Halbinsel sind die grösstenLandbildungen dieser Art in Europa. Dagegen kann die „Balkan-halbinsel”, ihr Südende (Griechenland) abgerechnet, wohl kaumals solche gelten.
Dort, wo zwei Meere durch Landmassen eingeengt sind,und die Wasserverbindung nur durch eine schmale Passagevermittelt wird, spricht man von Canal oder Strasse. Zweider charakteristischesten dieser Seepassagen trennen ganze Conti-nennte von einander: die Behringstrasse Amerika und Asien,die Strasse von Gibraltar Afrika und Europa. — Der Gegen-satz von Meerengen sind die Landengen oder Isthmen. Deinur 150 Kilometer breite Isthmus von Suez stellt die festlän-dische Verbindung zwischen Asien und Afrika, die Landengevon Panama jene zwischen den beiden Hälften des amerikani-schen Continents her. Kleinere Landengen figuriren nur alsWurzeln, mittelst welchen mehr oder minder ausgedehnte Halb-inseln mit dem Hinterlande Zusammenhängen. So beispielsweisejene von Korinth, jene von Malakka u. a. m.
Die Inseln. Unter der Bezeichnung „Insel” versteht mangemeinhin rings vom Wasser umschlossenes Land von kleinereroder grösserer Ausdehnung. Das Land umschliessende Gewässer