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Veränderungen der Erdoberfläche.
haben verschiedene Ge-staltungen und führendeshalb auch verschie-dene Namen. Abge-sehen von der Bezeich-nung Haupt-, Neben-und Seitenthal, welcheden sie einschliessendenGebirgen (als Haupt-zug, Ast oder Zweig)äquivalent sind, unter-scheidet man Eng-pässe, welche vonschroffen, langgestreck-ten, steilen Berghängeneingeschlossen werden’;dann Schlünde, wenndie Bergwände felsigund unersteiglich sind;
Erosionsschluchten,wenn die Enge vomstürzenden Wasser aus-gewaschen worden ist.
Auch die Vertiefungenin den Bergabhängenhaben Namen, wie„Runsen”, „Wasserris-se”, „Torrenten”, „To-bel” u. s. w.
Hinsichtlich derThäler unterscheidetman noch folgende For-men: Man spricht von einem Längenthal, wenn es parallelzu den dasselbe begleitenden Gebirgen verläuft — von einemQuerthal, wenn es senkrecht auf eine dieser Ketten steht. Selbst-verständlich können auch secundäre Querthäler Vorkommen,nicht aber secundäre Längenthäler, weil der Begriff des letzterenimmer einem Hauptthale gilt. Thäler, welche man mituntersecundäre Längenthäler nennt, sind fast immer Neben- oderSeitenthäler.
Wenn ein Gebirgsstock eine Vertiefung ringsum auf räum-lich sehr beschränktem Gebiete einschliesst, nennt man dieselbeKessel, bei grösseren Dimensionen — Schlund, Trichterbei kleineren. Besonders grossartig treten die Kesselbildungenin den Pyrenäen auf, man nennt ein solches auf allen Seitenabgeschlossenes, meist in Terrassen abgestuftes Thal einen„Circus”.
Nichts vermöchte die mannigfachen Factoren, welche bei der Vergleichungmächtiger Bodenerhebungen der Erdoberfläche in Betracht kommen, besser illustriren,als eine vergleichsweise Gegenüberstellung mehrerer grosser Gebirgssysteme. Wirerwählen uns zu diesem Ende die Alpen, die Pyrenäen und den Kaukasus.Jedes dieser Gebirgssysteme hat seine Eigenart, die bei den beiden anderen nichtzutrifft und doch finden sich wieder Berührungspunkte, die alle diesen Systemengemeinsam sind. So giebt es beispielsweise im Kaukasus keine Wasserstürze. Hiergiebt es nirgends ein Bild gleich demjenigen, welches der dreifache Wassersturz derKrimler-Ache, der Gasteiner Fall oder die Cascaden des Möllthales darbieten. Dannfehlen dem Kaukasus selbst die winzigsten Weiher, und darin unterscheidet er sichwesentlich von den Alpen, welche wegen ihrer vielen Seespiegel eines der reizvollstenGebirge der Erde sind.
Hochalpengebiet; Partie aus den Ortleralpen.
Ein anderes Unterscheidungsmerkmal sind die Erscheinungen der Erosion.Dieselbe ist im Kaukasus längst vollbracht, während sie in den Alpen fortgesetztthätig ist. Eine vollendete Erosion bedingt immer ein höheres Alter für das Gebirge.In den Alpen spielen ferner die Längenthäler eine grosse Rolle, während im Kaukasusgerade die Querthäler den Hauptfactor bilden und wahrhaft grossartige Schaustückedarbieten. Ein drittes Merkmal sind die Gletscher, welche im Kaukasus ganzgeringfügig sind. Ein Eismeer, wie das des Aletschgletschers oder der Oetzthalergruppe,welch letzteres nach C. v. Sonklar 10*5 Geviertmeilen Gletscherareal aufweist, istim Kaukasus nicht vorhanden, denn die Umgebung des Elbrus hat insgesammt 2-5,die des Kasbek 0*3 Geviertmeilen Eis- und Schneeflächen.
Wenn also ein Vergleich zwischen dem Kaukasus und den Alpen nicht zu-lässig ist, stellt sich andererseits eine gewisse Aehnlichkeit des ersteren mit denPyrenäen ein. Auch diesem Gebirgssysteme fehlen ausgedehnte Längenthäler undSeespiegel. Wie im Kaukasus der höchste Gipfel nicht in der Centralkette, sondernauf einem senkrechten Aste neben derselben liegt, so auch in den Pyrenäen. Dagegenzeigt das Vergleichsbild in Bezug auf die Querthäler beider Gebirgssysteme wiederwesentliche Unterschiede. Die Querthäler in den Pyrenäen sind nämlich keineErosionsschlünde wie im Kaukasus, sondern sogenannte „Circusthäler”. Dieselbenbeschreiben drei Viertel eines Kreises und sind mitunter treppenartig aufgebaut, sodass sie riesigen Amphitheatern gleichen. Aber die Circusthäler weisen häufig pracht-volle Wasserstürze auf, worin ein weiterer Unterschied vom Kaukasus zum Aus-drucke gelangt.
In Bezug auf das geologische Alter stehen die Pyrenäen zwischen den Alpenund dem Kaukasus. Darin liegt das ganze Schwergewicht der Unterscheidungs-merkmale. Vergleichende orographische Studien haben also mit mancherlei Factorenzu rechnen, deren hauptsächlichste das geologische Alter, die geognostische Zu-sammensetzung der Gebirge, die örtliche Lage und das physische Klima des Gebietes,dem sie angehören, der wichtigste sind. Nach diesen Factoren richten sich entwederübereinstimmende oder gegensätzliche Erscheinungen, welche jede Schablone aus-schliessen und dem individualisirenden Standpunkte den weitesten Spielraumgewähren.
Veränderungen der Erdoberfläche.
Die vorhistorischen Erscheinungen in der Morphologie derErde kommen hier nicht in Betracht. Sie sind ausschliesslicheDomäne der Geologie. Dagegen wirken verschiedene elemen-tare Ursachen fortgesetzt umgestaltend auf die feste Erdhülle,und diese Ursachen sind: Luft, Wasser, Wärme, die Pflanzen-und die mikroskopische Thierwelt. Die genannten Agentienwirken theils zusammen, theils vereinzelt — dann sowohlchemisch als mechanisch.
Die einfachste Art morphologischer Erscheinungen ist dieVerwitterung. Sie ist ein chemischer Process, indem durchdas Zusammenwirken von Luft und Wasser feste Bestandtheileder Erdrinde zersetzt werden. Selbst Urgesteine sind von diesemProcesse nicht ausgeschlossen. Indess hat diese chemische Zer-störung auch ihre gute Seite; eines ihrer Producte ist die Acker-erde, dem alle Bodencultur ihre Existenz verdankt. Am inten-sivsten geht der Zersetzungsprocess überall dort vor sich, wo
ausser den chemischen Elementen der zersetzbaren Stoffe auchmeteorische Erscheinungen mitwirken: wie der rasche Wechselvon Hitze und Kälte, von Trockenheit und Nässe, Frost undThauwetter. Gefrorenes Wasser in Felsspalten zersprengt dieHülle, so dass sie in Brocken auseinanderfällt, welche bei ein-tretender Schmelze zum Theil fortgespült werden.
In letzterem Falle tritt bereits ein anderes Element inThätigkeit — das Wasser. Der atmosphärische Niederschlagwirkt ausgiebig umgestaltend auf die Erdoberfläche. Die zer-setzten Producte werden weggeschwemmt, in tieferen Stellenabgelagert, so dass dort Rinnen oder Vertiefungen entstehen,wo früher Material auflagerte, vorher bestandene Aushöhlungendes Bodens angefüllt werden. Die Schneeschmelze im Frühling,welche Lawinenstürze zur Folge hat, das zu wildem Lebenerwachende Element, welches durch Monate in der Erstarrunglag, sind neben den periodischen Hochwässern durch anhaltende