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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
Entstehung
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Thätigkeit des Meeres an den Küsten.

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Bergsturz.

Regengüsse die hauptsächlichen Factoren, welche hier in Be-tracht kommen. Es entstehen sogenannte Bergstürze, welchevon verheerender Wirkung begleitet sind.

Gleichwohl sind diese Erscheinungen weitaus weniger be-deutsam als jene, welche uns die Thätigkeit des Meerwassersdarbietet. Es sind durchwegs mechanische Wirkungen, welcheam deutlichsten an den Küsten vor Augen treten. Die Bewe-gung des Meeres wirkt fortwährend verändernd auf seine fest-ländischen Begrenzungslinien. Es ist aber zweierlei, ob wirhierbei Steilküsten oder Flachküsten vor Augen haben. DieWirkung an den ersteren ist durchweg eine zerstörende, die-jenige auf die letzteren eine zubauende. Die Brandung an denUferfelsen unterwäscht diese, höhlt sie aus und spült lockereFestlandtheile fort, so dass zuletzt bedeutende Gesteinsmassenzu Fall kommen. Dieselben werden dann zu Gerolle abge-schliffen, zu Sand und Schlamm zerrieben. Die mechanischeWirkung der Brandung hat den Küsten nach und nach eingänzlich verändertes Bild gegeben, Theile des Uferlandes vonder Küste gänzlich getrennt, sie zu Inseln gemacht. Aber auchdiese unterliegen im Laufe der Zeit dem mächtigen Gegner undverschwinden von der Oberfläche des Meeres.

Im Grossen und Ganzen bedingen die mechanischen Wirkungen des MeereseineModellirung der Küsten, wie O. Peschei den Vorgang trefflich charakterisirthat. Man gewahrt dies am besten an den wildzerrissenen Küsten Norwegens, denmerkwürdigen Fjorden. Alles, was hier die Natur von Haus aus starr und eckiggemacht hatte, erhielt unter dem fortgesetzten mechanischen Einflüsse des Meereseine Milderung der Formen und Umrisse.Wir können hier den Process der Zer-trümmerung in allen Stadien studiren, von den steilen, überhängenden Felsmassen,den unnahbaren schwarzen Mauern und Wänden, an denen die wilde Brandungerbarmungslos jedes Schiff zerschmettert, das ihr nahe kommt; von den Felsthorenund schmalen Graten, bis zu den Inseln und Klippen, die unzählbar die zerrissenenöden Felsgestade umsäumen. ,, Die Fjordenbildung wiederholt sich an mehrerenPunkten unseres Planeten, nächst Norwegen am grossartigsten auf Island, Spitz-bergen und Grönland.

An Flachküsten besorgt das Meer doppelte Arbeit; es zerstört entweder mit aller Gewaltoder es lagert bewegliche Materialien an. Die Auflagerungen werden von der Brandung bewirktund findet die Schichtung des Materials vom Ufer nach der Tiefsee hin statt. Das grobe Gerollebleibt zunächst am Ufer liegen und bewirkt die sogenanntelitorale Bildung. Sand und Schlammaber werden durch den Rücklauf der Wellen dieWidersee in einiger Entfernung vomUfer alssubpelagische Bildung abgelagert . . . Am auffallendsten tritt uns die Uferbildung ausleichtem Materiale an den sogenanntenHaffen entgegen. Flussmündungen, welche im höheren Masseden Niveauschwankungen des Meeres in Folge der Gezeiten ausgesetzt sind, sind nicht in der Lage,die Sedimente, die sie mitführen, ins Meer zu tragen. Bei jedesmaligem Eintritte der Fluth findeteine Stauung des Flusses an der Mündung statt, und dies bedingt eine Ablagerung der Sedimenteim unmittelbaren Bereiche der Mündung. Treten noch Strömungen, Brandung, Wind dazu, so ent-stehen seeseits vor den Flussmündungen Wehren aus Schlamm und Sand, wodurch zwischen Meerund Flussmündung Zwischenbecken entstehen. Diese Becken nennt man Haffe. Die schmalen Wehren,Landzungen, heissen an den Küsten der Ostsee, wo diese Erscheinung am deutlichsten sich ausprägt,Nehrungen.

Sie sind Dünen. Ihr eigentliches Element ist jener feine, weisse Sand,der in fortwährender Bewegung und die Ursache immerwährender Ver-änderungen des Uferbildes ist. Seeseits wird die Nehrung unausgesetzt vonden Wellen bespült, bei hohem Seegange von der Brandung überfluthet.Jede Welle bringt aus dem Schosse der See feinen Sand mit und lagertihn dort, wo sie in sich zusammenbricht, zu einem kleinen Walle ab. Dienächste Welle durchbricht das Hinderniss, setzt aber ihrerseits eine neueSandwehr ab. Das Uebrige besorgt der Wind. Er treibt, sobald der Seegangaufgehört hat und der Sand getrocknet ist, diesen landeinwärts. Im Fort-schreiten wachsen die Sandwehren lawinenartig an, werden zu Hügeln undBergen, und stürzen häufig am inneren Ufer der Nehrung in das Haff. Dasist aber nur die sogenannteUferbank; hinter ihr folgt eine unregelmässigeReihe kleiner Vordünen, die schon bedeutend höher sind, und an sie schliesstdie grosse Hauptdüne, welche oft eine enorme Höhe erreicht. BeimKurischenHaff beträgt sie beispielsweise 60 Meter und durchzieht die ganze stunden-lange Nehrung.

Die Dünenbildungen treten indess nicht nur bei den Nehrungen der Haffeauf. Manche Flachufer werden fast völlig von Dünen gesäumt, wie beispielsweisejenes der Nordsee und das der dänischen Westküste, wo Dünen von grosser- ' Ausdehnung oft eine Meile breit und in mehreren Reihen

hintereinander auftreten. Eine der grössten ist jene an derWestküste von Nord-Jütland,auf deren breiten Rücken nurMöven hausen und Flugsandwolken vor dem Winde treiben. Siedringt ungehemmt ostwärts vor, hat den Liimfjord zum Theile

Felsenthor im Hafen von Navarino (Griechenland.)

Brandung an Flachküsten.

schon verschüttet und schickt sich nun an, Skager Rak und Kat-tegat zu versanden. Als ein Beispiel besonders intensiver Dünen-bildung giebt sich ferner jene auf der, der Küste derVendee vor-liegenden Insel Noirmoutier. Obwohl das Eiland ausserordent-lich fruchtbar ist, leidet es doch unter dem unglaublich raschenAnwachsen der Sandmassen. Man hat die Geschwindigkeitdieses Fortschreitens mit 20 Meter im Jahre berechnet. DasInteressante an der Sache ist aber, dass der Landverlust aufanderem Wege ersetzt wird. Auch hier zeigt sich der steteAusgleich im Haushalte der Natur. Die Insel nimmt nämlichfortwährend an Umfang zu, und zwar durch Aufnahme des vonder Loire in das Meer gespülten Erdreiches. Auf diese Weisehat sich um den granitenen Inselkern ein Landzuwachs von700 Hektaren gebildet, während die Dünen etwa 1000 HektarenCulturboden zugedeckt haben.

Ausser der zerstörenden Wirkung der Dünen wohnt ihnengleichzeitig eine Eigenschaft inne, die für die betroffenen Küsten-striche von unberechenbarem Schaden ist. Am greifbarsten ge-langt diese Thatsache bei der sogenanntenGrands Landesan der Westküste des südlichen Frankreich zur Geltung, wodie Dünen hauptsächliche Ursache der Versumpfung und Ver-

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