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See-Einbriiclie. — Deltabildungen und Lagunen,
Dünenbildung auf der kurischen Nehrung.
m.
brackung des Küstenstriches sind. Die Bäche und Flüsse könnennämlich wegen des vorliegenden Hindernisses nicht zum Meereabfliessen und bilden eine fortgesetzte Kette von Lachen, Teichenund kleinen Seen, deren verderbliche Ausdünstungen die An-siedelung verhindern. Die Breite der dortigen Dünen schwanktzwischen 2 und 8 Kilometer, und deren Höhe beträgt stellen-weise mehr als 50 Meter.
Zu einer anderen Kategorie der mechanischen Wirkungdes Meeres gehören die See-Einbrüche ins Festland. Amgrossartigsten tritt uns dieser Vorgang an den friesischen undholländischen Küsten entgegen, speciell bei der Zuidersee. Im11. und 12. Jahrhundert hatten die Fluthen der Nordsee nachlangwierigem Kampfe mit den Uferdünen des friesischen Ge-stades diese durchbrochen und sich über ein weites Gebietdes holländischen Flachlandes ergossen. Damit hängt auch dieEntstehung der Zuidersee zusammen, obwohl die landläufigeVorstellung über diese Meeresbildung der Richtigstellung be-darf. Ein Binnengewässer, das einen Theil der heutige Zuider-see ausmachte, bestand nämlich seit Menschengedenken undschon Tacitus gedenkt dieses Gewässers unter dem NamenFlevo-See. Auch ist die neue Seebildung nicht auf einmalentstanden, sondern zu verschiedenenmalen im 11. und 12. Jahr-hundert. Auch in späteren Jahrhunderten wiederholten sich ähn-liche Ereignisse. Heutzutage ist, dank den prachtvollen Werken,welche das Land schützen, eine Rückkehr jener Unglücksfälleweit weniger zu befürchten.
Wir haben mehrfach Beispiele vorgeführt, aus denen zu ersehen ist, dass indem Kampfe, welchen das Meer mit den Küsten führt, das erstere nicht immerSieger ist. Es findet da und dort ein Ausgleich statt, bei dem sich Gewinn undVerlust so ziemlich decken. Was beispielsweise Holland durch Wassereinbrüche antrockenem Land verloren, das wurde ihm durch die Anschwemmungen desRheins, der Maas und der Schelde ersetzt. Der Hafen von Suez, der eine grosseSandbank und eine seichte Lagune ist, nahm noch im Jahre 1542 eine grosse Kriegs-flotte der Türken auf. Ravenna war einst zum Theile in Lagunen erbaut worden;heute liegt es in Folge der unablässigen Anschwemmungen eine Meile von der Küsteentfernt. Ein weiteres Beispiel bietet die Stadt Adria, welche zu Roms Zeit eineKüstenstadt war, während sie heute drei Meilen vom Strande entfernt liegt. Vor-gänge dieser Art deuten auf die riesigen, von Strömen fortbewegten Mate-rialien. Nach Sir Charles Lyell übersteigt die Gesammtmenge der vom Gangesmitgeführten Sedimente, sowohl dem Gewichte wie dem Volumen nach, eine Masse,die gleich 42mal der grossen Cheopspyramide ist. Nach den Untersuchungen desIngenieurs Lombardini führt der Po jährlich 42*7 Millionen Kubikfuss Schlammseinem Delta zu. Das grossartigste Beispiel dieser Art giebt der Hoangho ab,welcher nach Ney Elias den grössten Theil der riesigen Alluvialebene Chinas durchAblagerung und Anschwemmung gebildet hat. Nach Sir G. Staunton führt dasWasser des Yangtsekiang dreimal so viel Sedimente mit sich als der Ganges! Beidiesem beträgt die stündlich dem Meere zugeführte Masse von Sedimenten währendder Hochfluth — circa drei Millionen Tonnen!
Mit diesen Thatsachen hängt eine weitere Erscheinungdes Landzuwachses zusammen, die der Deltabildungen. Siekommen an allen Küsten vor, aber sie sind an gewisse physika-lische Vorbedingungen geknüpft, worunter die instantanten Oscil-
lationen der Küsten-gebiete die erste Rollespielen. Ausserdem tre-ten Deltabildungen amausgeprägtesten in Mee-ren ohne Gezeiten auf.Hier bilden sich durchcombinirte Thätigkeitdes Stromes und desMeeres jene ausgedehn-ten Schlammflächen, dievon einemNetzwerkvonW asseradern durchzo-gen sind und die vor-zugsweise den Charak-ter derjenigen Ablage-rungen an sich tragen,die man als „Fluvioma-rine” bezeichnet. DieseAblagerungen sind oftvon erstaunlicher Mäch-tigkeit, noch grösseraber sind die Sediment-massen, welche zur Del-tabildung gar nichtsbeitragen, sondern vonden Strömen ins Meergetragen werden.
Man findet, wiebereits erwähnt, Delta-bildungen an den Kü-sten aller Continente.In Europa sind es vorzugsweise Donau, Po, Rhone undWolga, welche durch Schwemmlandbildungen an ihren Mün-dungen sich auszeichnen; in Afrika Nil und Niger; in AmerikaMississippi, Mackenzie und Orinoco; in Asien Ganges-Brahmaputra, Mekong, Hoangho und Lena. Die räumlichenAusdehnungen der Deltabildungen sind sehr verschieden. Amgrossartigsten tritt sie beim Ganges-Brahmaputra auf, derengemeinsames Delta mit circa 8*3 Millionen Hektaren berechnetwurde; ihnen zunächst steht der Mississippi mit einem Deltavon circa 3*2 Millionen Hektaren, dann der Nil mit 2*2 Millionen.Das Donaudelta nimmt wenig mehr als den zehnten Theildes Nildeltas oder den 33. Theil des Gangesdeltas ein. Wasdas Wachsthum der Schwemmlandbildungen in horizontalerRichtung anbetrifft, ist dasselbe von mannigfachen Factorenabhängig. Der Mississippi rückt beispielsweise mit seinem Deltajährlich um 350 Meter vor, der Po um 70, die Rhone um 58,der Schat-el-Arab (Euphrat-Tigris) um 54, die Donau nur um 12Meter. Das grösste Maass jährlichen mittleren Wachsthums weistdas Delta des Terek (Ciskaukasien) auf, das nach Baer 495 Meterbetragen soll. Dagegen schreitet das Nildelta nur wenig vor,nach Vogt 4 Meter, nach Anderen vollends nur 1 Meter. —Wir bemerken an dieser Stelle, dass wir auf einzelne Delta-bildungen in den rein-geographischen Abtheilungen diesesWerkes ausführlich zurückkommen werden, da Detailberichtehierorts einen viel zu ausgedehnten Raum beanspruchen würden.
Die Lagunenbildungen härlgen mit Erscheinungen zu-sammen, auf die wir sofort zurückkommen werden, da sie auch
Hochfluth an der friesischen Küste.
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