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Magnetische Curven. — Das Polarlicht.— Die atmosphärische Elektricität.
n
sens
Eigenthiimliche Nordlichterscheinung.
(beziehungsweise die Abweichung) nennt man Deklination.
Verbindet man alle Punkte der Erdoberfläche, welche einegleiche Deklination besitzen, mit Linien, so erhält man die so-genannten Isogonen.
Indess weicht die frei aufgehangene Nadel nicht blos inder Horizontalebene vom Ortsmeridian ab, sondern sie senktzugleich ihre Nordspitze nach abwärts. Den Winkel, den sieauf diese Weise mit der Horizontalen bildet, nennt man dieInklination. Linien, welche die Punkte der Erdoberfläche mitgleicher Inklination miteinander verbinden, nennt man Isoklinen.
Linien endlich, welche die Punkte, an welchen die gleicheIntensität des Erdmagnetismus beobachtet wurde, verbinden,heissen Iso dyn amen. — Je mehr man nach Norden vorrückt,desto grösser wird die Inklination und am magnetischen Poleselbst muss die Nadel senkrecht auf den Horizont stehen, währendsie am Aequator eine vollkommen wagrechte Stellung annimmt.
In derselben Weise nimmt die Inklination gegen Süden wiederzu, und zwar ist es diesfalls das nach Süden gekehrte Endeder Nadel, welches sich neigt. Am magnetischen Südpol mussdaher das südliche Ende der Nadel eine senkrechte Stellungeinnehmen.
Bislang hielt man das herrliche Polarlicht (auch Nord-licht), welches die arktischen Nächte von Zeit zu Zeit erhellt,für eine Erscheinung des Erdmagnetismus. Sorgfältige neuere Unter-suchungen haben ergeben, dass der Erdmagnetismus und seine Erschei-nungen wohl mit dem Nordlichte in Beziehungen stehen, es aber keines-wegs bedingen, vielmehr dass beide Erscheinungen wahrscheinlich aufeine gemeinsame Ursache zurückzuführen sind.
Das Nordlicht ist das herrlichste Schauspiel in jenen Regionen der ewigen Erstarrung,deren Erscheinungen so mächtig auf das Gemiith und die Einbildungskraft wirken. Sie erhellenbald schwächer, bald stärker die lange Polarnacht (sechs Monate lang am Nordpol). Das Schauspielselbst zeigt mancherlei Abweichungen. Bald sieht man ein mattes verschwommenes Licht oder ein-zelne leuchtende Flecken; bald Strahlen, die in blendendem Weiss erzittern und das ganze Firma-ment durchlaufen. Sie gehen vom Horizonte aus, halten mitunter im Laufe still und das Lichtkommt nicht zur vollen Entfaltung. Im selben Augenblicke aber bricht es an einem anderen Punktehervor: ein Bouquet von Strahlen, das sich fächerförmig ausbreitet, dann wieder allmählich verblasstund zuletzt ganz verschwindet. Oder es flattern lange goldige Lichtbänder über dem Haupte desBeobachters und falten sich in sich selbst zusammen; oder strömen in Lichtwellen aus, als ob sievom "Winde bewegt würden. Sie sind scheinbar nicht hoch in der Luft und man möchte sichwundern, dass man das Rauschen der Falten nicht hört.
Sehr häufig tritt das Nordlicht als strahlender Bogen auf, der durch ein schwarzes Segmentvom Horizont abgetrennt erscheint. Ein solcher Bogen steigt nach und nach bis zum Zenith auf undhier vereinigen sich die Strahlen und bilden eine Krone, aus welcher nach allen Richtungen Licht-garben hervorschiessen. Nun gleicht der Himmel einer feurigen Kugel: Blau, Grün, Roth und Weissspielen kaleidoskopartig durcheinander. Aber dieses wunderbare Schauspiel dauert nur sehr kurzeZeit; die Krone sprüht keine Lichtstrahlen mehr, sie wird nach und nach schwächer und ein ver-schwommenes Licht überzieht das Firmament. Da und dort dehnen einige Lichtpunkte weiter undweiter sich aus, ziehen sich aber plötzlich mit erstaunlicher Schnelligkeit zusammen. Bald erbleichenauch diese irrenden Strahlen; alle Farbenpracht fliesst ineinander und erlischt . . . Hat das Nord-licht ausgeglüht, dann erglänzen die bis dahin verdunkelten Sterne in um so hellerem Glanze unddie endlose, finstere Polarnacht brütet wieder über dem gletschererfüllten Lande, auf dem mitEismassen bedeckten Ocean.
Die atmosphärische Elektricität. Es ist bekannt, dass die oberirdischenSchichten der Luft sich bald in einem grösseren, bald kleineren Zustandvon elektrischer Spannung befinden; was aber nicht bekannt ist, ist dieUrsache dieser Erscheinung. Mancherlei Theorien wurden aufgestellt, ver-theidigt oder verworfen. Die heutige Ansicht über die Entstehungsursachender atmosphärischen Elektricität geht dahin, dass die Condensation der
Wasserdämpfe Elektricität errege. Das geflügelte Wort:
Ein Blitz aus heiterem Himmel” ist sonach ein Non-da das Vorhandensein der Elektricität mit denFeuchtigkeitserscheinungen der Lufthülle unmittelbar zu-sammenhängt. Trotzdem ist natürlich Elektricität auchin dunstfreier Luft vorhanden und sie gehört wahrschein-lich dem elektrischen Fluidum an, welches — gleichdem Magnetismus — die Erde durchpulst.
Die atmosphärische Elektricität kommt am sicht-barsten in den Gewittern zum Ausdrucke. Solchemeteorische Vorgänge entstehen, wenn hohe elektrischeSpannungen in der Luft, beziehungsweise in den Wolken,sich ausgleichen. Der Ausgleich prägt sich in Blitzund Donner aus. Der erstere ist der überspringendeFunke, der letztere ist der Schall, welchen die rasanteBlitzbewegung hervorruft. Seiner Form nach ist der Blitzentweder blos ein allgemeines, flammenartiges Aufzucken(„Elächenblitz”), oder er legt seinen Weg in einer ge-brochenen Linie („Zickzackblitz”), oder in einer ausunzähligen kleinen Krümmungen bestehenden Linie(„Schlangenblitz”) zurück.
Die letztere Form erscheint als die weitaus häufigste. Beweis dessendie Resultate der vielen experimentellen Versuche der sogenannten photo-graphischen Augenblicksaufnahmen. Welches Bewandtniss es mit dieserTechnik hat, ersieht man am besten daraus, dass Blitze Lichterscheinungensind, die kaum eine Millionstelsecunde dauern. Die beigegebene Moment-aufnahme eines Blitzes rührt von dem Reichenberger Photographen Robert
Hansel her und wurde während eines heftigen Gewitters am 6. Juli 1883, Abends10 Uhr, bewirkt. Es wurde von der angegebenen Stunde an ein mit Gelatineplattenversehener Apparat nach der Himmelsgegend gerichtet, wo Blitze zu erwarten waren,der Apparat aber im Uebrigen sich selbst überlassen. Auf diese Weise kamenmehrere Aufnahmen zu Stande, deren eine hier wiedergegeben ist.
Die Blitzphotographien entsprechen keineswegs der Vorstellung, welche manim Allgemeinen von der Form der Blitze hat. Zwar kommen auch Zickzacklinienvor, aber nur auf ganz kurzen Distanzen, z. B. von Wolke zu Wolke. Sämmtlichesogenannten „Blitzschläge”, d. h. Entladungen aus den Wolken auf die Erde, welchebisher auf photographischem Wege fixirt wurden, zeigten die Schlangenlinien. Sieerinnern auffällig an die kartographische Darstellung von Flüssen. Ueberraschend istauch, dass Blitze sich vielfach, fast netzartig verzweigen, zum Theil den Erdbodenerreichen, anderentheils aber in die Wolken zurückspringen. Auch Verstärkungen einesBlitzschlages durch „Zufluss” von anderer Seite kommen vor.
Zu seltenen Erscheinungen gehören: die sogenanntenKugelblitze, d. h. Feuerkugeln, welche mehrere Secundenlang sichtbar bleiben und dann mit heftigem Knalle zerplatzen;ferner das Elmsfeuer, welches aus einem kleinen Lichtbüschelbesteht. Man gewahrt sie bei hohen elektrischen Spannungenan spitzen oder hervorragenden Gegenständen.
Wenn die in einer Wolke angehäufte Elektricität ohneEntladungen sich ausscheidet, so entsteht das Wetterleuchten.Es ist also durchaus falsch, dass das Wetterleuchten nur derWiderschein eines entfernten Gewitters sei. Letzteres ist wohlhäufig der Fall, aber man hat genau darauf zu achten, ob der
Blitzschlag (Momentaufnahme).