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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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Der äusserste Norden von Euröpä. Die grossbritannischen Inseln.

Sturm anzukämpfen. Manbegreift solche Gegensätze,wenn die Naturgewalten sichbesänftigen und das Sonnen-gold auf Wellen, Höhen undMeeresbuchten herableuch-tet. Dann sind die einsamenSunde von einem Schimmerverklärt, dem kein Farben-zauber einer südlichen, war-men und weichen Bucht esgleichzuthun vermag.

Im Hintergründe derengen Fjorde blitzt ab undzu ein Schneefeld, oder esschäumt ein Katarakt in be-deutende Tiefe herab. Oftist es ein einziger Riesenfallohne Absätze, der hundertevon Metern zurücklegt. Soder Rjukanfos in Teie-rn arken derrauchendeFall eine in Dunstmassenzerstiebende Riesencascade.Alle diese Wasserstürzehaben gewissermassen ihrenUrsprung im Meere. Derwarme Golfstrom scheidetenorme Quantitäten von Was-serdunst aus, die vom West-winde landeinwärts getriebenwerden, die kalten Hoch-flächen jedoch nicht über-schreiten. Die Niederschlägeerfolgen am Rande der Kü-ste, wo sie zahlreiche Berg-seen füllen, die ihre Wasserwieder in raschem Laufe undmeist als grossartige Cas-caden dem Meere zuführen.

Schiffer an der Scheldemündung.

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Auch an grösseren Inseln fehlt es nicht und die bedeutend-sten derselben drängen sich in dem Archipel der Lofoddenzusammen, einer über die dunkle Fluth aufragenden nacktenFelsenkette von phantastischen Formen. Ihre Wildheit wirdgemildert, wenn zur Winterszeit diese Zacken und Zähne vondem flimmernden Schwanenpelze des Schnees bedeckt sind.Man hat dann das Bild von Zuckergebilden, welche auf derSpiegelfläche des Meeres schwimmen.

Was dieser Region des hohen Nordens einen aussergewöhnlichen Reiz verleiht,sind die arktischen Nächte. Sie sind die Ursache von Beleuchtungseffecten, wieman sie nirgend sonstwo wiederfindet. Am Polarkreise sinkt die Sonne einigeWochen hindurch etliche Minuten vor Mitternacht unter den Horizont und steigtnach ebenso wenigen, aber mit erhöhtem Glanze, wieder empor. Je nördlicher wirVordringen, desto höher wird der tiefste Sonnenstand. Das Tagesgestirn nähert sichdann nur dem Horizonte, erreicht ihn jedoch nicht. Am Nordcap ist es ungefähreinen Monat (im Sommer) immerwährend Tag, beziehungsweise (im Winter) immer-während Nacht. Während des Polarsommermonates ist das Licht der Sonne in denNachtstunden von einer eigenartigen Mildheit; es wirft einen eigenthiimlichenSchimmer über Wasser und Felsen,von dem man sich, wenn man ihn nicht ge-sehen, unmöglich eine Vorstellung machen kann. Dieses eigenartige Colorit hat einMeister des Pinsels, Hildebrandt, in seinem bekannten AquarellAm Nordcapwiederzugeben versucht. Es mag genügen, um den bestrickenden Zauber jener Regiondem Fernestehenden zu vermitteln.

Der äusserste europäische Norden wird von den kaltenFluthen des nördlichen Eismeeres bespült. Von Skandinaviengreift nach Osten die geräumige, im Inneren aber unfruchtbareund menschenöde Halbinsel Kola aus und schliesst mit derKüste Russlands das sogenannte Weisse Meer eigentlich

Trondbjem.

nur einen Golf ein. Kola gegenüber ragt die viel kleinereHalbinsel Kanin in das Eismeer hinaus. Noch weiterim Ostenliegt die Insel Kolgujew und öffnet sich die tiefe, mit zahl-reichen Inseln besetzte Mündungsbucht der Petschora. DasHinterland ist eine nordische Wüste, die Timandrische Tundra,ein Tummelplatz der Nordstürme und die Wohnstätte von ver-kümmerten samojedischen Nomaden, welche mit ihren Renn-thierheerden allen Schrecknissen eines Polarwinters zu trotzenverstehen. Der Boden ist beständig gefroren und thaut nurim Polarsommermonat durch die fortgesetzte Einwirkung derSonnenwärme etwas auf. Dann schmückt sich diese traurigeEinöde sogar mit Blumen, um den armseligen Bewohnern wenig-stens den Schein eines freundlicheren Naturlebens vorzugaukeln.

Wir verfügen uns nun aus dem äussersten europäischenNorden wieder in südlichere Breiten. Die Nordsee bespült imWesten die grossbritannischen Inseln, beziehungsweise dieOstküsten von England und Irland. Durch die nur Meilenbreite Strasse von Calais (Canal la Manche), welche Englandvon Frankreich trennt, communicirt die Nordsee mit dem offenenOcean. Der zwischen England, Schottland und Irland gelegeneTheil des letzteren heisst das Irische Meer und steht imNorden durch den Nordcanal, im Süden durch den Georgs-canal mit dem Ocean in Verbindung. Südlich des letztgenanntengreift der Bristolcanal tief in das Festland von England ein.Solche grössere Buchten weisen die Küsten der grossbritanni-schen Inseln allenthalben auf und diese reiche Gliederung istMitursache für die grosse Bedeutung, welche dieses Reichin der Völkergeschichte spielt. Als Beherrscher des Welt-meeres erhärtet Grossbritannien den Grundsatz von derActionskraft, welche Inselreichen innewohnt und welcheuniverselle Bedeutung jede Culturerregung in solchenInselreichen für sich beanspruchen darf. Ein anderes inter-essantes Moment ist der exclusive und in F'olge dessenconservative Charakter der insularen Reiche, wenn sie inunmittelbarer Nähe von Festländern liegen, auf denenwelterschütternde Vorgänge sich zutrugen. Wir sehen diesam besten bei Irland.

Irland hat grandiose Steilküsten und Uferfelsbildungen. Vielleicht nochgrossartiger treten beide an der Westküste von .Schottland auf. Hier hateine gewaltige vulcanische Thätigkeit das b estlaud zerrissen und basaltischeMassen aus dem Ocean emporgehoben, gleichzeitig durch den Einsturz ganzerFelsenreihen dem Ocean fjordartige Buchten und Canäle öffnend. Dürre, finstereEilande schwimmen auf ewig unruhigen Wogen. Diese haben die Inseln zer-nagt, zerfressen, unterwühlt, so dass sie jetzt wie gigantische Brückenpfeileraufragen; sie haben sich in die Felspanzer eingezwängt und in den schattigen,feuchten Räumen ertönt ihre ewig düstere Musik wie Bardenklänge aus eineranderen, fernabgelegenen Zeit.

Auf solchem Hintergründe lässt sich leicht die wildromantische Scenerieossianischer Dichtungen auf bauen, die durch die Urwüchsigkeit ihrer Hand-lungen und die grossartige Auffassung des Naturzaubers dem Leser einen