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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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Die Karpathen. Das Balkansystem.

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Rumeliscke Ebene mit der Balkankette.

Oestlich von den Alpen breiten sich die Karpathen aus,welche gleichfalls zu den europäischen Mittelgebirgen gezähltwerden, an manchen Stellen aberHochgebirgscharakter haben. Siegliedern sich in das ungarisch-karpathische Gebirge, dereneinzelne Theile die kleinen Karpathen, in der FortsetzungBeskiden, Tatra und Fatra heissen. Am östlichen Theile desTatragebirges beginnt das karpathische Waldgebirgedas zweite Hauptglied des ganzen Systems dessen Haupt-rücken grösstentheils an der Grenze zwischen Ungarn undSiebenbürgen läuft. Beim Gallatzberge beginnen die sieben-bürgischen Karpathen, welche ganz Siebenbürgen erfüllen,dessen Ost- und Südgrenze bilden und alstranssylvanischeAlpen eine wildromantische Kette, mit vielen Nebenzweigenund mehreren bemerkenswerthen Pässen bis an die Donaureichen.

Die Abdachung des siebenbiirgischen Alpengebirges nach dem Tieflande zuprägt sich in einer Reihe von parallelen Gebirgszügen aus, welche zwischen den süd-wärts strömenden Flüssen streichen, allmählich an Höhe verlieren und zuletzt alsvereinzelte Hügelwellen den Uebergang zur Ebene bilden. Die Abdachung ist einevollkommen gleichmässige, ohne auffällige Abstaffelungen. Dementsprechend ist auchdie Pflanzendecke: auf den nördlichen Höhen dunkle Nadelholzwälder, Birkenforsteund einsame Schluchten; alsdann auf den nächsten Abdachungen prächtige Laub-gehölze, vorwiegend Buchen und Kastanien, verschönt von malerischen Felsgruppenund fliessenden Wassern. Allenthalben liegen hier Klöster verstreut, in denen deiAsketismus weniger als irgend sonstwo eine Heimstätte gefunden hat. Bei den un-wissenden, aber lebenslustigen Mönchen finden sich zu Zeiten die weltmüden Spröss-linge alter Bojarenfamilien ein, um sich von allen Schlacken der Weltlichkeit zureinigen. Der Versuch soll nicht immer glücken; arkadische Zustände treten denwohl nicht sehr ernst gemeinten asketischen Absichten störend entgegen.

In der nächst tieferen Region überwiegt die Cultur der Rebe und des Obst-baumes. Die Hügel sind von Ahornen und Eichen gekrönt und aus ihrem Schattenschaut man auf die unabsehbare Ebene hinaus, welche den Segen aller Tiefländerbirgt, die nach dem Abströmen des Meeres trockener Boden geworden sind. In diesemSinne lässt sich die walachische Tiefebene mit dem Tieflande der Donau-Theiss-,der Po-Ebene u. s. w. in gleiche Linie stellen. Indess ist in der Walachei nur einBruchtheil angebauter Boden. Wiesengründe überwiegen und der ganze östliche Ab-schnitt des Landes, welcher des schützenden 'Walles der transsylvanischen Alpenentbehrt, ist vorwiegend Steppe, der Tummelplatz Ifeftiger und andauernder Nordost-stürme, die über das unermessliche Tiefland von Mittel- und Südrussland zur Donauniederstreichen.

Das Balkansystem. Dasselbe hängt im Nordwesten mit demAlpenlande, im Nordosten mit den Karpathen zusammen, vonwelch letzteren es nur durch den Donaudurchbruch (Eiser-nes Thor u. s. w.) getrennt ist. In der Regel zieht man denersteren Entwickelungspunkt der Gebirgswelt der Balkan-halbinsel in Betracht. Dieser Punkt ist derFelsen Kleckin Croatien, wo die Dinarischen Alpen beginnen. Sieerfüllen mit mehreren Parallel- und Transversalketten ganzBosnien und die Herzegowina. Letzteres Land ist aus-gezeichnet durch seine öde Karstnatur und seine Hoch-ebenen, welche sich gegen das Adriatische Meer hin aKstaffeln.

Im Süden hängen die Dinarischen Alpen mit demHochlande von Montenegro zusammen. Hier ragt derDormitor bis zu 2600 Meter auf. Das Land ist wild, öde,karstig zerfressen, und nur Pässe der beschwerlichstenArt vermitteln den Verkehr. Südwestlich des monte-negrinischen Hochlandes erhebt sich der mächtige Schar-dagh mit dem Ljubatrin als höchsten Gipfel (3050 Meter).

In diesem Hochlande können wir den Centralknoten er-blicken, wo die beiden balkanischen Gebirgssystemedas nordsüdliche und westöstliche Zusammentreffen. Zubeiden Seiten des Schargebirges entspringen Flüsse, welche

den drei Wassergebieten der Adria, des Schwarzen Meeresund der Aegäischen See angehören.

Das alb artesisch-griechische System, welchesam Schardagh südwärts anschliesst, erfüllt mit seinenVerzweigungen das ganze Südwestdrittel der Balkanhalb-insel. Dazu gehört das westmakedonische Gramos- undPeristerigebirge, das albanische Küstengebirge unddas hohe Pin dosgebirge, von dem die nordgriechischenGebirge strahlenförmig ausgehen. Sie umschliessen an derOstseite des Pindos das fruchtbare und historisch merk-würdige Kesselland Thessalien. Im Osten stehen Olymp,Ossa und Pelion, im Süden das Othrysgebirge, imNorden die kambunischen Berge. Zu den einzelnen,Nordgriechenland ausfüllenden Gebirgen gehören: derOeta (jetzt Oita), Parnass, Helikon, Kithäron, Pente-likon u. s. w.

Die Hauptmasse des Peloponnes wird durch dascentrale Hochland von Arkadien gebildet, das im Nordenund Osten zu hohen Randgebirgen ansteigt. Vom arkadi-schen Hochland gehen südwärts zwei Bergketten ab, vondenen die östliche Parnon das Hochland gegen denGolf von Nauplia hin abschliesst, während die zweite,ungleich längere, wildere und mächtigere Kette, der Taygetos(jetzt Pentedaktylos) die mittlere der drei peloponnesischenHalbinseln erfüllt. Sein Endpunkt ist das Cap Matapan, diefestländische Südspitze von Europa. Die Fortsetzung des Parnonerstreckt sich bis ans Südende der östlichen (lakonischen) Halb-insel und endet mit dem Cap Malia. Westwärts verflacht sichder Taygetos allmählich, Messenien und die westliche Küsten-provinz Moreas mit niederen Gebirgen erfüllend.

Den Uebergang von dem bosnischen und albanesisch-griechischen Meridionalsystem zum transversalen Balkangebirgebildet das centrale Hochgebirge des Vitosch und Rylodagh,welche mit ihren höchsten Gipfeln den Balkan weit überragen.Auch das südöstlich anschliessende Despotogebirge (Rhodope)ist höher (Jaltepe 2681 Meter) als der Balkan.

Was das Balkangebirge betrifft, dürfen wir die Wurzeldieses Gebirges an der Donau suchen, dort, wo dieser Flussdas wilde Defile derKataraktenstrecke, welche nichts Anderesals die Bruchstelle zwischen dem Karpathen- und Balkansystemist, erblicken. Der westliche Theil des Balkans nimmt also einenbogenförmigen Verlauf nach Süden und Südosten und gehtspäter nach Osten über.

Der Balkan, im Alterthum Hämus genannt, galt bislang als eine der im-posantesten Massenerhebungen Europas. Neuere Forschungen aber haben ergeben,dass dieses Gebirge eine relativ geringe Höhe hat, namentlich wenn man die Nord-seite in Betracht zieht. Vom Süden aus macht der Balkan da dorthin keine Ab-staffelung stattfindet stellenweise den Eindruck einer mächtigen Mauer. Der höchsteGipfel des Gebirges ist der Maragedük (2350 Meter), in der westlichen Hälftegelegen, während der Ryl bei Sofia bis 2750, der Gipfelpunkt in Rhodope bis zu2700 Meter ansteigt, und der prächtige Vitosch (gleichfalls im Sofianer Becken) diegleiche Höhe wie der Maragedük aufweist. Auch sonst übertreffen die letzgenanntenGebirge den Balkan an Wildheit, der Berge Montenegros und Albaniens nicht zuvergessen.

Noch im Mittelalter galt der Balkan allgemein für unzugänglich, trotzdem dieGeschichte zahlreiche Beweise des Gegentheils geliefert hatte. In Bezug auf denlinearen Verlauf wurden grobe Irrthümer erst in den letzten vierzig Jahren beseitigt.Selbst dann noch, als 1829 ein russisches Heer das Gebirge überschritten hatte,bestand die irrthümliche Meinung fort, dass dasselbe in gerader Linie von Westennach Osten verlaufe. Thatsächlich ist der Balkan an 20 bis 25 verschiedenenStellen zu überschreiten. Ueber diese Pässe wird in einem späteren Abschnitte aus-führlich berichtet werden.

Aus dem skandinavischen Hochland: Der Sulitelma.

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