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A. Westeuropa. — I. Das Königreich Spanien.
Stromschnellen Schiff-fahrtshindernisse. Aufdem Guadiana (509Kilometer Lauflänge)verkehren Schiffe nurim untersten Laufe.
Der nächstbedeutendeStrom ist der Ebro (757Kilometer Lauflänge),der nicht schiffbar ist,weshalb von Karl V.der 102 Kilometer langeKaisercanal angelegtwurde. Andere Canälefinden sich in Castilienund in Murcia. DerDuero hat eine Lauf-länge von 781 Kilo-meter, der Tajo einesolche von 912 Kilo-meter, doch gehörendie Unterläufe beiderFlüsse zu Portugal.
Klima. Kein Landhat bis in unsere Zeitherein auswärts in Be-zug auf seine klimati-schen Verhältnisse mehrirrthümliche Vorstellun-gen hervorgerufen alsSpanien. Noch immerhält man dasselbe für
ein durchwegs warmes, ja heisses Land, von fast subtropi-schem Gepräge in seiner Vegetation. Nichts ist falscher alsdiese Annahme. Die nördlichen Provinzen haben ein mehrrauhes als mildes Klima und hinsichtlich der centralen Hoch-plateaux weiss man, dass sie klimatisch ebenso ungastlich alsin Bezug auf ihre Bodenverhältnisse öde und unfruchtbar sind.Das Klima ist in diesen Strichen ein ausgesprochen continen-tales; dagegen weisen die südlichen Küstengegenden fast „afri-kanische” Verhältnisse auf. Die heissesten Punkte sind Cadix,Malaga und Valencia. — Herrschende locale Winde sind dervon den cantabrischen Gebirgen herstreichende kalte Gallegound der erstickende, heisse Südwind Solano.
Die Bevölkerung. Das spanische Volk bildet einen Zweigder romanischen Völkerfamilie, welcher durch Mischung desitalischen Hauptstammes (Römer) mit Kelten, Vandalen, Gothenund Arabern hervorgegangen ist. Die gothischen Einflüssemachten sich mehr im Norden, die arabischen im Süden geltend.Die spanische Sprache zeigt gleichfalls fremde Einflüsse; amreinsten ist der castilische, am verdorbensten der catalonischeDialekt. — Ausser den eigentlichen Spaniern (13 Millionen)siedeln im Lande noch folgende Volksstämme: die Basken(1/2 Million), Nachkommen der alten Cantabrer, der Urbevöl-kerung des Landes; Moriscos (Modejares), die, obgleich durchZwang zum Christenthume genöthigt, doch unvermischt und treuihren väterlichen Sitten, zerstreut in den einzelnen Thälern derAlpujarras und der Sierra Morena leben (60.000 Seelen); Zi-geuner, Gitanos genannt (50.000 Seelen); eine Colonie von
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San Sebastian.
Malaga.
Deutschen (etliche Tausend), welche im 18. Jahrhundert in derSierra Morena sich niedergelassen haben.
Die Basken wohnen in Biscaya, dessen Mittelpunkt Irun ist, denn sowohlnördlich als südlich der spanisch-französischen Grenze wohnt dieser kleine Rest derursprünglichen Bevölkerung Iberiens. Durch Auswanderung vermindert sich die Zahlder Basken von Jahr zu Jahr. Weder die Romantik der Heimat, noch die uraltenGerechtsame, welche sich dieses freigeborene und freigebliebene Volk seit jeher zuwahren wusste, fesselten es an die Scholle. Die Folgen dieser Auswanderung werdendie sein, dass das interessante Volk der Basken in verhältnissmässig kurzer Zeit vomErdboden verschwinden wird. Wie all die Burgen und Schlösser, die in dem Landeaufragen, in Trümmer zerfallen sind, so wird man im 20. Jahrhundert vergebens nachden „Escuariern” forschen. Sie werden nicht mehr zu finden sein und ihre Sprachewird man vergessen haben. Dann verlieren wohl auch alle diese Ruinen ihre Sagenund Legenden, und man wird von ihren einstigen Herren wie von einem sagenhaftenGeschlecht sprechen und hinzufügen: es war ein braves, kriegerisches und stolzesVolk, dem weder die Römer noch andere Eroberer, noch die mächtigsten KönigeSpaniens ihre Bewunderung versagen konnten.
In Bezug auf die Volksthümlichkeit herrscht in Spaniendurchaus keine Einheitlichkeit. Gleich den mannigfachen klima-tischen Abstufungen und der an Gegensätzen reichen Natur desLandes unterscheiden sich auch die Bewohner der einzelnenalten historischen „Königreiche” gar sehr von einander. DerNordspanier ist vom Südspanier so grundverschieden, dass nichteinmal das Gleichniss von Nord- und Süddeutschen zulässig ist.Den landläufigen „spanischen lypus”, den man bei uns jederzeitvor Augen hat, bildet der Südländer, der Bewohner von Granada,Sevilla und Malaga, einschliesslich der angrenzenden Gebiete.
Ein altspanisches Sprichwort sagt: „A quien Dios le quiso bien, en Granadale dio de comer” (wen Gott liebt, dem gestattet er in Granada zu verweilen). Man
braucht nur von der alten Brücke nach dem Alhambra-Berge zu wandern, umdie Stichhältigkeit dieses Spruches bestätigt zu finden. Da ertönt allenthalbendie Mandoline oder die „Zembomba”, als herrschte in der Welt ein ewigerFestjubel. Der zerlumpteste Tamburinschläger weiss seinen defecten Mantelmit Grazie zu tragen. Die altersgrauen Reste der Alhambra — diesesmaurischen Märchenschlosses — bilden einen stimmungsvollen Hintergrund zuder pathetischen Art der Granadiner.
Auch in Sevilla ist das Leben der Massen von Sorglosigkeit undHeiterkeit getragen. Die Armuth aber ist gross und das Proletariat spielteine hervorragende Rolle. Es giebt da gewisse Typen der unheimlichstenArt. Es sind dies in erster Linie die Churrannes, Lungerer und Faulenzer,die den ganzen Tag mit Kartenspiel sich abgeben und den „Verdienst” inGestalt mächtiger Becher voll Xereswein durch die Gurgel rinnen lassen.Ein alter Mantel wird ausgebreitet und dient als Teppich, auf welchem tags-über gespielt wird. Dabei ist der Churran ein leidenschaftlicher Raucher. Ersammelt alle Cigarrenstummel und verwandelt sie in ganze Stücke. Kommt ereinmal in den Besitz einer „Havana puro”, so müssen — eingedenk des com-munistischen Zuges im Volkscharakter — seine hreunde auch etwas davon haben.
Viel schlimmer als der Churran ist der Baratero. Er ist die typischeFigur Andalusiens. Er gehört immer der niederen Volksclasse an, weiss treff-lich die Navaja (Schnittmesser) und den Punal (Stichdolch) zu führen und beutetdiesen Umstand aus, um von den Spielern Geld zu erpressen. Der Barateroerscheint unerwartet in den Spelunken, drängt sich durch die Zuseher undnagelt ohne Umstände das Spiel Karten mit seinem Punal fest. Hierauf Ge-schrei und drohende Haltung seitens der Spieler \ der Baratero aber ist einRiese und seine grimmigen Blicke lassen das Schlimmste befürchten. Ge-wöhnlich wird dem Gewaltmenschen der geforderte Tribut abgcliefert, da sich