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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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A. Westeuropa. I. Das Königreich Spanien.

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Granadinerinnen.

selten ein ebenbürtiger Gegner findet. Häufiger geschieht es, dass zwei Vertreterdesselben Gelichters, ohne einander zu sehen, in dieselbe Spielhöhle eintreten. Dannsagt der Eine von ihnen:Vamos allä! Vamos a un viaje! (Gehen wir! Gehen wirauf die Reise ins Jenseits!) Die beiden Partner verfugen sich an irgend einen ab-gelegenen Ort und kämpfen so lange, bis einer gefallen ist.

Spanien ist noch immer eines jener Länder, das sich dennivellirendenCulturschliff vom Leibe zu halten wusste. Ge-wisse Gebräuche stecken tief im Volkscharakter und sind vor-läufig nicht auszumerzen, Beweis dessen die Stiergefechte,deren Abschaffung undenkbar ist. Indess zur Ehre derSpanier sei es gesagt, sie kennen auch ein ästhetischeresVergnügen und das ist der Tanz. In der ganzen Weltwird nicht so viel getanzt als in diesem Lande. DieTanzliebhaberei dieses Volkes ist uralt und schon in derRömerzeit waren diegaditanischen Tänzerinnen (ausGadesCadix) berühmt und gesucht.Der berühmtesteVolkstanz ist derFandango, dessen Bewegungen vollAnmuth und Phantasie sind. Es giebt übrigens eineUnmasse von Tänzen, von denen freilich viele seitlängerer Zeit ausser Gebrauch und dem Volke unbe-kannt sind.

Ein besonderes Capitel sollte von Rechtswegen andieser Stelle den spanischen Frauen eingeräumt werden.

Aber in einen streng sachlichen Text lässt sich schwerder Zauber einschmuggeln, den spanische Frauenschön-heit einflösst. Sie ist in der That kein leerer Wahn. Dieschönsten Frauen findet man in Granada, Sevilla undMalaga durchwegs halb orientalisches Blut dannin Madrid und Barcelona. Der spanische Norden weistandere Typen und andere Charaktere auf.

Religion. Das herrschende Glaubensbekenntnis istdas katholische; es leben im Lande nur circa 60.000Protestanten und etwa 5000 Israeliten. Die Klöster undgeistlichen Congregationen wurden, mit Ausnahme derden Missionären, dem Unterrichte und der Kranken-pflege gewidmeten, im Jahre 1841 aufgehoben.

Das spanische Volk hat sich den traurigen Ruf errungen, in reli-giöser Beziehung das fanatischeste und intoleranteste im Schosse derChristenheit zu sein. Mit Entsetzen liest man die Grausamkeiten derConquistadoren in Amerika, welche unter dem Einflüsse des Clerusstanden, von dem dunklen Treiben der Inquisition, welche zu Zeiten denspanischen Boden mit den lodernden Holzstössen der Autodafes beleuch-teten. Am ärgsten wüthete der Racen- und Religionshass zur Zeit. desNiederganges der Maurenherrschaft. In den Alpujarras (in der SierraNevada), dem letzten Schlupfwinkel der Mauren, wurden diese von ihrenUeberwindern in Oel gesotten! Man erinnere sich der Thaten jenesGenerals Valez, der mit Feuer und Schwert wüthete, wie seit Tamerlankein Feldherr gethan. Die Mauren nannten ihn denTeufel mit demeisernen Kopfe. Der Marquis von Sesa war mit 10.000 Mann in dieAlpujarras eingerückt und hatte dort furchtbar gehaust. Binnen Monatsfristwurden 10.000 Mauren getödtet, und zwar in achtzig blutigen Massacres.

Noch vor wenigen Jahrzehnten war der südspanische Fanatismusder hauptsächliche Förderer jener unheimlichen Gesellschaft, welche sichDesperadores (Kummerbefreier) nannte. Ihr Dogma war der religiöseMord, d. h. die Befreiung der Seele von der Eventualität eines erneutenfreudlosen Erdenwallens nach Empfang der Sterbesacramente. Die Thätig-keit der Desperadores erstreckte sich also vorwiegend auf Kranke, welchedie letzten Tröstungen der Religion erhalten hatten. War bei einem solchenKranken Aussicht auf Wiedergenesung vorhanden, so hatte jeder Despe-radoro die Verpflichtung, jenen Unglücklichen auf unauffällige Weise ausder Welt zu schaffen. Das sicherste Mittel war Gift. Bemerkenswerth ist,

dass die Entdeckung von der Existenz dieser Secte im Beichtstühle gemacht wurdeund der Clerus es war, welcher nach harten Mühen und Kämpfen den gefähr-lichen Geheimbund sammt seinen Zweiggesellschaften derEngelmacher aus derWelt schaffte.

Culturverhältnisse. Die Hauptquellen des Nationalreichthumssind Ackerbau und Landwirthschaft. Dennoch wird dieBodencultur allenthalben vernachlässigt. Die Waldcultur lässtviel zu wünschen übrig. Unter den Zweigen der Viehzuchtbildet die Schafzucht seit Jahrhunderten den wichtigsten. DieZiegenzucht wird besonders in den Gebirgen, die Schweine-zucht in der Provinz Estremadura betrieben. Die Rindviehzuchtunterscheidet zahme Rinder und die zu den Stiergefechten er-forderlichen wilden Stiere. Die grössten Stiergehege befindensich im Guadarramagebirge, in Navarra und in der SierraMorena; das beste zahme Rindvieh trifft man in den Nord-provinzen. Die Pferdezucht liefert eine gute Rasse.

Spanien ist reich an Kohlen- und Erzschätzen, aberdie Production ist gering, hauptsächlich, weil das Land wederein planmässig angelegtes, dem gewerblichen Leben entspre-chendes Eisenbahnnetz, noch eine beachtenswerthe industrielleThätigkeit aufzuweisen hat. Die Communicationen sind un-genügend, namentlich wo es sich um solche von secundärerBedeutung handelt, die gerade deshalb von grosser Wichtigkeitwären, weil sie die Kohlen- und Erzstätten mit den Haupt-adern des inländischen Verkehrs in Verbindung setzen würden.Der geringe Unternehmungsgeist in Spanien hat die Ingerenzdes Auslandes gewissermassen provocirt. Dermalen versorgtausschliesslich England die Pyrenäische Halbinsel mit Kohle.Dagegen hat sich Deutschland, speciell die Firma Krupp, derspanischen Erze bemächtigt. Dieselbe besitzt in Nordspanien(bei Bilbao) bedeutende Eisenerzgruben. Um dieselben aus-zubeuten, musste ein Schienenweg angelegt und ein directerDampfschifffahrtsverkehr eingeleitet werden. Die Gesammt-menge der Eisenfabrikate beträgt pro Jahr circa 70,000 Tonnen,

Die Pancorboschlucht; zwischen Miranda und Burgos.