A. Westeuropa. — I. Das Königreich Spanien.
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Am
der berühmtesten maurischenBauwerke besitzt — die Gi-rat da. Die Moschee, die einstdaneben stand, ist ersetztdurch eine der gewaltigstenKathedralen gothischen Stils.
Die Giralda dient als Glocken-thurm und ist das höchsteBauwerk dieser Art in Spa-nien. Sein Erbauer war derAlmohade Jakub Ibn Jussuf(1196).
Ein zweites maurisches Denkmalbefindet sich in Cordoba, der anda-lusischen Stadt am Mittelläufe desGuadalquivir — die berühmte Mo-schee. Das Innere ist grossartig: einWald von aufstrebenden Säulen, inzwei Reihen übereinander. Die Ueber-einanderstellung war notliwendig, weildie Höhe der unteren Säulen zu geringwar, um die hohe Decke tragen zukönnen. Die oberen Säulen und Pfeiler
wachsen zwischen den gewaltigen Huf- .
eisenbogen, durch welche die untere Reihe miteinander verbunden ist, em> r *reichsten ausgestattet ist der innerste Theil vor der Südwand. Vor der iscie esehemaligen Mihrab erhebt sich eine Kuppel von weissem Marmor.
Damit der Anblick aber noch reicher und phantastischer werde, sc ie t unflicht sich zwischen die unteren ausgezackten und die oberen einfachen Bogen einedritte, gleichfalls gezackte Bogenreihe. Das Ganze macht den Eindruck wie von au -quellenden Dämpfen. — Eingefasst ist das Ganze festungsartig von einer hohenZinnenmauer.
Die historische Romantik in Südspanien vertreten aberweder die Giralda in Sevilla, noch die ehemalige Moscheevon Cordoba, sondern die Alhambra in Granada, dem Landeöstlich von Andalusien. Die „Rothe Burg 77 (dies bedeutet derName) liegt auf der Höhe zwischen der von Norden naheherantretenden Darroschlucht und dem breiteren Xenilthale imSüden, hat vor und unter sich die steil ansteigende, zum Theilnoch sehr maurische Stadt, alles gebettet in den üppigstenBaumwuchs von Eichen und Ulmen, Cypressen, Orangen* orbeeren und Granatbäumen. Dazu kommt das leuchtende Schnee-gebirge im Hintergründe — die Sierra Nevada.
Die Verhältnisse der Anlage der Alhambra sind klein. Die inneren Räum-lichkeiten aber verkörpern die reichste und phantastischeste decorative Kunst erAraber. Berühmt sind: der „Löwenhof”, der „Hof des Wasserbeckens”, der „1 yr en-hof”, der „Saal des Segens”, die „Abencerragenhalle”, der eigentliche „Komgssaa(fälschlich Sala de la Justicia genannt) u. s. w. Der gefeiertste aller Alhambra-Raumeist aber der „Saal der Schwestern” — ein Gewirre von Sternen, Sonnen, mit Blumen unFrüchten, Schildern, Zacken, Wellen u. s. w., wie sie nur die Phantasie eines Träumershervorzubringen vermag.
Der Süden Andalusiens läuft in eine Halbinsel aus undendet mit der Punta Marroqui, der Südspitze der Pyrenäen-halbinsel. Etwas weiter östlich — an der Strasse von Gibraltar
_ öffnet sich der herrliche Hafen von Algeciras mit dem
Fels von Gibraltar, der seit 1704 in den Händen der Eng-länder ist. Trotz der gewaltigen, in die Felsen gehauenen Be-festigungen kann diesem Punkte derzeit nicht mehr die Be-deutung eines Sperrpunktes am Eingänge zum Mittelmeer zu-gesprochen werden. Trotzdem bleibt Gibraltar eine Oertlichkeitvon grösserem militärischen Werthe.
Auf der entgegengesetzten (atlantischen) Seite öffnet, sichder gleichfalls ausgezeichnete Hafen von Cadix, der spanischeHauptkriegshafen. Südwestlich hiervon befindet sich das CapTrafalgar, bekannt durch den Seesieg und Heldentodenglischen Admirals Nelson imJahre 1805. Landeinwärts vonCadix erstreckt sich das Feldvon Jerez, auf welchem imJahre 711 die grosse mehr-tägige Entscheidungsschlachtzwischen den Westgothen undden Arabern geschlagen wurdeund welche das Schicksal derHalbinsel entschied, indem siedem Islam als Beute zufiel.
Von Gibraltar ostwärts er-streckt sich das Küstenland vonMalaga. Hier hat noch Man-ches ein maurisches Gepräge;viele Häuser haben einen offe-nen Hof mit Springbrunnen,welche von Orangenbäumenund Bananen beschattet sind.
In diesen Höfen findet man
Gesammtansicht der Alhambra mit der Sierra Nevada.
Kühlung, oder man tanzt undmusicirt und singt alte Ro-manzen zur Guitarre, oderdie beliebten „Malaguenas 77 ,die populärsten LiebesliederSüdspaniens. Hier gedeihtder feurige Malagawein, wel-chen die Ueberschwänglich-keit mit „flüssig gewordenenSonnenstrahlen 77 verglichenhat. — Die Küste verläuft biszum Cap de Gata (östlichvon Almeria) ostwärts undschwenkt alsdann nachNord-osten, von Cartagena abnach Norden. Das Hinterlandist das ehemalige KönigreichMurcia mit der gleichnami-gen Hauptstadt im Thale derSegura. Es ist weder sofruchtbar noch so lieblichals die benachbarten Land-schaften Granadas und Andalusiens. — Nach Nordosten hingrenzt an Murcia das ehemalige Königreich Valencia mitgleichnamigen Hauptorte, eine der reizendsten Städte
dem
des
Spaniens, „die Stadt des Cid 77 . Die Bevölkerung ist eine derunruhigsten des Landes. Dafür spricht die Thatsache, dasssie in den meisten jüngeren spanischen Revolutionen den An-fang machte. Zu Zeiten galt in dieser Stadt das Menschenlebenso wenig, dass desperate Gesellen den erstbesten Strassen-passanten niederschiessen konnten.
Die wilden Instincte der Bevölkerung verhindern gleichwohl nicht, in Valenciaeine der romantischesten Städte des Landes zu erkennen. Wie nirgends in Spanien,trägt hier das Volkscostüm das Gepräge des aussergewöhnlich Phantastischen, ja desGrotesk-Komischen. Zuavenhosen und Gamaschen, kurze Hemden und Sammetwämser,Zipfelmützen und Peluchehüte, die grellbunte wollene „Capa” (eine Art Plaid),nicht zu vergessen, bilden die Toilette des Valencianers. Man denke sich Hunderteund Tausende auf einem Platze vereinigt (an einem Markttage), und man wird dasgetreue Abbild eines farbigen Blumenfeldes vor sich haben.
Dazu stimmen die barocken Stilverzierungen der Paläste, die ausladendenBalcone, die in Stuck gegossenen oder in Stein gehauenen Ornamente und Blumen-kränze, welche die Fa^aden schmücken. Die Gassen sind eng, gewunden und finster.Die Stadt war einer der Hauptsitze des Maurenthums, aber aus jener Zeit ist nichtsübrig geblieben. Von der herrlichen Kathedrale weiss man, dass an ihrer Stelle einstein Tempel der Diana stand; dann folgte eine arianische Kirche der Gothen, danneine katholische, dann eine Moschee, dann wieder eine katholische, die abermals einemTempel des Islam weichen musste. Die Oberhand behielt zuletzt das Christenthum.
Nur wenige Stunden von hier nordwärts ist die Stättevon Sagunt zu suchen. Dort hatten sich nach einem verzwei-felten achtmonatlichen Widerstande, als alle Hoffnung verlorenwar, die Vornehmen der Stadt mit ihren Schätzen auf eineninmitten des Marktplatzes errichteten Scheiterhaufen gestelltund starben in den Flammen, als die Punier des Hannibal ein-drangen. Das heutige Murviedro, durch eine fruchtbare Ebenevom Meere getrennt, hat nichts mehr aus altsaguntinischer Zeit.Saracenische Thürme und Mauern sind an die Stelle der altengetreten, und auch von ihnen nur einige Thorbogen übrig. Einruinenhaftes Castell steht auf dem Hügel an Stelle der Burg,die bei der Erstürmung so viel Blut gekostet hatte. Der Resteines römischen Theaters ruht am Abhang dieses Castellberges.
Das Schönste von Valencia ist die landeinwärts gelegene Ebene Almansa.Dorthin zieht der Schienenweg nach Madrid. Die Bahn durchschneidet zuvörderstdas Paradies der valencianischen Vega mit ihren Blumengärten, Weinbergen, unüber-sehbaren Orangenwäldern, weissen Villenund freundlichen Dörfern. Palmen undGranatbäume, Aloen und Zuckerrohr,Kaktus und Palmen vervollständigen diesesheitere Pflanzen-Eden. — Dann kommtdie meilenweite blumige Wiese der Al-mansa, hierauf das öde, ausgestorbeneHochland der Mancha — der Schau-platz der Heldenthaten und AbenteuerDon Quixotes; zuletzt — bei der Ort-schaft Alcazar — das nicht minder ödeHochland von Castilien. Erst beiAranjuez, wo der trübe Tajo dem An-kommenden zuerst in den Blick tritt,ändert sich ein wenig das Bild. Zuletztkommt Madrid in Sicht — eine Oase inder castilianischen Wüstenei.
Madrid (370.000 Einwohner),am Flüsschen Manzanares und650 Meter über dem Meere ge-legen, ist eine Gründung desKönigs Philipp, welcher denzu jener Zeit unansehnlichen
Elliotgarten in Gibraltar.
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