Karte 
Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
Entstehung
Seite
66
JPEG-Download
 

66

A. Westeuropa. I. Das Königreich Spanien,

Ansicht des Klosterpalastes Escorial.

LS v Jk f

Möst»*

Flecken zur Residenz erhob. Seine Zeitgenossen konntenes dem König nicht vergeben, dass er die uralten histo-rischen Städte das zauberhafte Granada und das mär-chenhafte Cordoba, das schimmernde Sevilla, das altehr-würdige Toledo und das königsprächtige Burgos über-sah, um sein Hoflager in einem obscuren Neste auf dercastilischen Hochebene aufzuschlagen.

Das merkwürdigste Gebäude Madrids ist die imWesten die Stadt mit breiten Fronten festungsartig über-ragende Königsburg, eines der prunkvollsten Gebäudeder Welt. Beiläufig sei bemerkt, dass diese Burg ersthundertundfünfzig Jahre alt ist und sich auf den Ruinenzweier älterer Schlösser erhebt. Zuerst stand hier der mau-rischeAlcazar (Al Kassr = das Schloss), dann die be-rühmte Hofburg Philipp II., die im Jahre 1734 in Flammenaufging. Der Erbauer der jetzigen Königsburg ist Phi-lipp V. Es ist ein Meisterstück des Renaissancestils, undes ist bekannt, dass Napoleon I., der sehr schwer in Be-wunderung versetzt werden konnte, gelegentlich einesBesuches sich zu einem Ausrufe freudiger Ueberraschung*hinreissen liess. Als er die Säulenhalle mit den Statuendes Honorius, Trajan, Hadrian und Theodosius (alle ge-boreneHispanier) hinter sich hatte und die prächtige Marmor-treppe hinanschritt, meinte er, zu seinem Bruder Joseph (Königvon Spanien) gewendet:Oh, mon eher frere, vous serez mieuxlöge que moi meme!

Von den Fenstern dieser hohen Burg übersieht man weithindie castilische Hochebene. Sie ist trostlos dürr. Seitdem aberder Isabellacanal (1859 eröffnet) die Stadt mit reichlichemund gutem Wasser versorgt, hat sich wenigstens im Weichbildeder Stadt einiges Gartenland entwickelt. Die Leitung ist 93-6Kilometer lang und hat 54 Millionen Gulden gekostet.

Diese köstliche Hochquelle des Guadarramagebirges hat all die lieblichenPromenaden, Gärten und Alleen hervorgerufen, die den Besucher der HauptstadtSpaniens entzücken. Auch ganze Vorstädte, wie die Barrios de Salamanca, de losPozos und de Arguelles, verdanken dem Isabellacanal ihre Entstehung. Es sindhübsche Boulevards mit mehrstöckigen Häusern und blumengeschmückten Plätzen,auf denen Springquellen plätschern und Kinder sich tummeln. Vollends ein Bildsüdlicher Lebendigkeit ist der Prado, der Königsburg diametral gegenüber gelegen.Mitten zwischen beiden liegt die nicht minder berühmte Puerta de Sol (das Sonnen-thor), Mittelpunkt der Stadt und Rendezvousplatz der vornehmen Welt. Wenn esvon diesem weitläufigen Platze aus durch die Strassen Calle de S. Geronimo oderAlcala de Henares hinauswogt, bevölkern sich alsbald die Ulmenalleen des Prado.

Ein auffallender Schmuck desselben ist ein thurmhoher Obelisk aus rothemGranit, der auf einem Riesensarkophage steht. Er bezeichnet die Stelle, wo am2. Mai 1808 die Jugend von Madrid im Dienste des Vaterlandes fiel. Murat hatteauf dem damals noch öden Platze seinen Richterstuhl aufgerichtet und alle gefangengenommenen Madrider Freiheitskämpfer summarisch niederhauen lassen ohneRücksicht auf Alter und Geschlecht. Selbst Mädchen und Kinder fielen unter denHänden der französischen Schergen.

Wenn die letzten Abendlichter am glänzenden Granitschaft dieses Obeliskenspielen, drängt eine förmliche Völkerwanderung nach dem Prado. Rings um denSarkophag hüpfen fröhliche Kinder, w T ährend es da und dort auf den endlosen Reihen

von Rohrsesseln wie von tausend Klapperschlangen rasselt . . . Was bedeutet das? . . .Es sind die stolzen Signoras mit ihren nachlässig drapirten Mantillen, die sich imFächerspiel üben. Wagen, Reiter und Reiterinnen folgen in endloser Reihe. Imtiefsten Ulmenschatten, wo ein Orchester gerade die Siegeshymne zum Besten giebt,bewegen sich tausend Glühwürmchen. Es sind die Cigaretten der Madrilenas, derkoketten Frauen aus den Palästen der Alcala de Henares. Spät erst, wenn die Stern-bilder der Reihe nach erglimmen und die letzten Accorde derHabaneras verhallen,kommt das bunte Getriebe zur Ruhe. Dann plätschern die Marmorfontainen melan-cholisch in die stille Nacht hinein, hin und wieder von muthwilligem Frauengekicherunterbrochen. Der eigentliche Zauber Madrids fängt freilich erst in den Nacht-stunden an, seine Verlockungen wie Fallnetze auszuwerfen, denn in Spanien über-wiegt, so gut als in Italien, das Nachtleben mit seinen romantischen Reizen dasprosaische Einerlei des Tages.

Nicht weit von Madrid liegt dasachte Wunder der Welt,das königliche Schloss El Escorial, Kirche, Kloster und Königs-mausoleum in einem mächtigen Viereck vereint. Es wurdegleichfalls von Philipp II. erbaut. Der Anblick dieses Bau-werkes hat etwas Märchenhaftes, zumal bei Nacht, wenn diehochstrebenden baulichen Umrisse sich schattenhaft vom tief-blauen Sternenhimmel abheben. Dazu kommt der Gegensatzder bäum- und schmucklosen Ebene auf drei Seiten des Gräber-palastes.

Im Süden von Madrid liegt, unfern der Mündung derGuadiela in den Tajo, die königliche Sommerresidenz Aranjuezund eine Strecke stromab des letzteren Flusses das altehrwür-dige Toledo, genau im Mittelpunkt der Pyrenäeninsel ge-legen. Sie war einst mit ihren 250.000 Bewohnern die Haupt-stadt Spaniens; heute ist ihre Bewohnerzahl auf ein Zehntelzusammengeschmolzen. Hier werden die berühmten Toledaner

Klingen erzeugt, undladetmanch altehrwür-digesBauwerk (Kathe-drale, Brücke S. Mar-tin, Alcazar u. s. w.) zulängerem Verweilen.

Wenn wir vonMadrid aus den Bo-den Neucastiliens ver-lassend in nordwest-licher Richtung dieGudarrama (das casti-lische Scheidegebirge)überschreiten, habenwir das Ilochland vonAltcastilien undLeon vor uns. DiebemerkenswerthestenOertlichkeitendurch-wegs Marksteine einerbedeutungsvollen ge-schichtlichen Vergan-genheit - sind hierVal-ladolid (52.000 Ein-wohner), der Sterbeortdes Columbus, einst(mit einer Bevölkerungvon über 100.000 See-len) die Residenz derspanischen Könige, ingesunder, nicht zu rau-her Gegend gelegen;

Madrid.

'Jätet

SäBlüia