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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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A. Westeuropa. III. Frankreich.

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Arbeit und alles Lebens Paris strahlenförmig nach allenRichtungen. Das bedeutsamsteMoment in der geschichtlichenEntwickelung der französischenEisenbahnen ist die in den Fünf-zigerjahren vollzogene "Vereini-gung der vielen kleinen Gesell-schaften auf Grund ihrer geo-graphischen Zusammengehörig-keit. Es ist also wieder dieselbeErscheinung der Concentration,welche ein charakteristischesMerkmal des gesammten franzö-sischen Lebens in allen FormenundThätigkeiten eine Eigentüm-lichkeit des gallischen Geistes ist.

Dass den grossen Bahn-gesellschaften, deren Zahl sichauf sechs beläuft, eine ökono-mische Macht innewohnt, welcheder officiellen politischen fastgleichkommt, liegt auf der Hand.

Repräsentirt doch der Gesammt-besifz dieser Gesellschaften dendritten Theil des gesammten Na-tionaleigenthums, d. i. 25 Mil-liarden Francs. Diese mächtigeMonopolherrschaft konnte sich,dank ihres unerschütterlichenEinflusses und ihrer unversieg-lichen Finanzkraft, zu fast souve-räner Selbständigkeit empor-schwingen und vor allen Ein-griffen der Staatsgewalt schützen.

Man unterscheidetin Frankreich den Ge-neral- und den Special-handel. Ersterer umfasst die gesammte Handelsbewegung,die Durchfuhr, den Entrepotverkehr und die Wiederausfuhr;letzterer betrifft nur den eigenen Umtausch und den Exportvon Erzeugnissen der inländischen Landwirthschaft und Ge-werbthätigkeit, sowie die nationalisirten Waaren.

Alles den Handel betreffende Ziffernmateriale, sowie alleübrigen, Frankreich betreffenden statistischen Daten sind in derbetreffenden Tabelle am Schlüsse des Werkes enthalten.

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Das innere Paris (vom Pont neuf aus).

Landschaften und Städte.

Paris. Die stramme Centralisation, welche das Franzosen-thum auszeichnet, prägt sich in keiner äusserlichen Erscheinungso imponirend aus als in der französischen Hauptstadt. Paris

Notre Dame.

ist, mehr als irgend eine andere Capitale, das wirkliche Herzdes Reiches, der Nervenknoten des französischen Lebens, derPolitik, der Kunst und der Wissenschaft. Wohl verfügt dasLand über eine Anzahl bedeutender Provinzstädte, welche sichebensosehr durch geschichtliche Vergangenheit, als durchGewerbfleiss, Handelsthätigkeit, geistiges Streben und Schön-heit des Städtebildes auszeichnen. Aber all diese Dinge tretenin den Schatten vor der glänzenden Reichshauptstadt, welcheexaltirte Franzosen denMittelpunkt der Civilisation genannthaben.

Gewiss ist, dass Paris die schönste, reichste und inter-essanteste Stadt der Welt ist. Davon lässt sich nichts weg-disputiren. Die nachfolgenden knappen Daten werden genügen,um darzuthun, was die moderne Civilisation an dieser einenihrer Arbeitsstätten besitzt. Nach der Volkszählung vom30. Mai 1886 beträgt die Gesammtzahl der hauptstädtischenBevölkerung 2,345.000 Köpfe; Paris ist also nächst Londondie volkreichste Stadt der Welt. Das Stadtgebiet nimmt einen Flächenraum von81 Quadratkilometern ein (gegen 61 Quadratkilometer des Berliner Stadtrayons),ist also halb so gross als das Fürstenthum Liechtenstein. Die berühmteste Strasseist die Rue Rivoli, vielleicht die schönste Strasse des Erdballs, dann die RueRichelieu, Rue del la Paix, Rue Saint-Honorö, Rue Royal und die Avenue delOp6ra. Die Stadt hat eine ausgezeichnet gute Lage auf beiden Ufern derSeine, welche die directe Wasserverbindung mit dem Meere herstellt. Im Westenund Süd westen erheben sich niedere Höhenzüge (Mont Valerien etc.), im Südenund Osten streichen Hügelwellen, welche man neuerdings mit einem Kranzestarker Aussenforts und Schanzen versehen hat.

Diese, alsBefestigungen von Paris von höchster militärischer Wichtigkeit, wurden grosstentheilserst nach dem letzten deutsch-französischen Kriege aufgeführt und zum Theile so weit von der Stadt-umwallung hinausgeschoben, dass sie eine Circumvallationslinie von circa 186 Kilometern bilden. Eine voll-ständige Einschliessung durch ein noch so starkes Invasionsheer ist also dermalen ein Ding der Unmöglich-keit; im erwähnten Kriege war die Einschliessungslinie nur halb so gross. Damals gab es nur circa 16 ver-theidigungsfähige Forts, während derzeit deren 38 vorhanden sind (einschliesslich der Redouten), durchwegsneu erbaut. Ausserdem ist eine grosse Zahl von Schanzen und Erdwerken vorhanden.

Das eigentliche Stadtgebiet ist von einer bastionirten Front umgeben, welche einen 30 Meter breitenGraben hat und stellenweise durch grosse Defensionskasernen verstärkt ist. Die Zahl der Bastionen beläuftsich auf 85. Die Stadtumwallung ist an 67 verschiedenen Stellen durch Thore und Durchlässe unterbrochen.Auf drei Seiten zieht knapp am inneren Rande der Enceinte eine Ringbahn, welche auf der vierten (deröstlichen) Seite etwas mehr stadtwärts einbiegt.

Die Seine, welche genau die Mittellinie des Stadtgebietes einnimmt, wirdvon 28 Brücken übersetzt, welche dem Strombilde ein prachtvolles, monumentalesGepräge aufdrücken. Diese Brücken tragen zum Theil berühmte Namen, als: Jena,Austerlitz, dArcole, Ludwig Philipp, Pont neuf, Eintrachtsbrücke, Pont Royal,Pont des Arts u. s. w. Die Seine ist von prächtigen, baumgeschmückten Quaiseingefasst.

Die berühmtesten Bauwerke, Anstalten und Denkmäler liegen ziemlichgleichmässig vertheilt auf beiden Ufern und in unmittelbarer Nähe des Flusses,

doch erscheint das rechte (nördliche) Ufer immerhin etwas bevorzugter. _

Hier finden wir zuvörderst, unweit vom Westeingange zur Stadt, denAre deTriomphe, weiter den Industriepalast (in den elysäischen Feldern), welcher1267 Meter lang und 30 Meter breit ist; dann die Tuilerien (im 16. Jahrhundert