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A. Westeuropa. — VI. Grossbritannien und Irland.
Einfahrt in einen Kohlenschacht.
grösste See ist der Loch Lomond (71 Quadratkilometer,235 Meter tief) in Schottland, auch durch landschaftliche Reizehervorragend. — Der östlich hiervon liegende Katrinlochgilt als der landschaftlich schönste in Grossbritannien. Dergrösste Wasserspiegel des vereinigten Königreiches ist derLough-Neagh auf Irland (396 Quadratkilometer), bei Belfast,im Norden der Insel. Als der landschaftlich schönste derselbengilt der kleine Lough-Lane bei Killarney, am Fusse derCarrantuo Hills im äussersten Südwesten Irlands. Reich mit See-spiegeln bedacht ist auch der Westen der Insel (Lough Mask,Lough Corrib) und deren Inneres, während der Süden allerWasserspiegel entbehrt.
Klima. In England gemässigt, mit angehäuften Wasser-dünsten, daher meist trüb und veränderlich, im Uebrigen abergesund. Im Winter herrschen stellenweise dichte Nebel, stellensich heftige Stürme mit Schneemassen ein. In Schottland istdie Luft im Ganzen rein und gesund, in den Hochlanden, woder Schnee auf den Gipfeln fast das ganze Jahr liegen bleibt,rauh; die Thäler sind meist von Nebeln erfüllt, desgleichen dieHochmoore von solchen bedeckt. In Irland ist das Klima nochfeuchter und die vielen Wasserspiegel und Sümpfe erzeugengesundheitsschädliche Ausdünstungen. Am angenehmsten undgesündesten gestalten sich die klimatischen Verhältnisse an derSüdküste von England.
Die Bevölkerung.
Die Bevölkerung des vereinigten Königreiches betrug 1886circa 38 Millionen. Sie zerfällt in zwei Hauptstämme, die ger-manische und keltische (gälische); zu ersterem gehören die„Engländer”, Nachkommen der alten Angeln und Sachsen. Sie
bilden die Hauptmasse und zählen über 34*9 MillionenSeelen. Dem keltischen Stamme (3-1 Millionen) ge-hören die Kymren in Wales, Cornwall und Cumber-land; ferner die Galen oder Schotten in Hochschott-land, auf den schottischen Inseln, sowie in einemgrossen Theile von Niederschottland; dann die Mankenauf der Insel Man und die Iren.
Zwischen den Iren, diesem reinblütigsten Keltenstamme, und denEngländern besteht ein tiefgehender Antagonismus. Nie ist wegen solcherMissverhältnisse bei irgend einem Volke der Welt so viel Blut geflossenals auf irischem Boden. Ausser der Herkunft spielt auch der Gegensatzzwischen der herrschenden und beherrschten Race und der Gegensatz imreligiösen Bekenntniss (die Iren sind durchwegs Katholiken) eine schwer-wiegende Rolle. So wuchs der grimmige Hass der Irländer gegen dieEngländer im Laufe der Zeit zu dreifacher Gestalt an: zum Racenhasse,zum Hasse des Bedrückten gegen seinen Bedrücker und zum confessio-nellen Hasse des „Rechtgläubigen” gegen den Ketzer. Am schlimmstensteht bei den Iren Cromwell in Erinnerung, der die Insel mit Feuer undSchwert verwüstet hatte und sich mit der Absicht trug, sämmtliche über-lebenden Iren nach Westindien zu deportiren.
Ein Fünftel der nebelfeuchten Insel, die ein endloser Grasteppichüberzieht, ist tiefer, gefährlicher Boden, ein Fünftel Bergland und nurdrei Fünftel sind Culturboden. Auf diesem baut „Paddy” (der Spottnamefür die Iren) seine Kartoffel, um im Winter nicht zu verhungern. Da esaber neun Monate im Jahre regnet oder schneit, versagt ein unerbitt-liches Geschick auch diese hesperische Frucht dem zerlumpten Klein-pächter. Der Ausfall des Pachtschillings aber hat schwere Heim-suchungen zur Folge, denn er zieht den Verlust des Pachtobjectes nachsich. Paddy ist dann brotlos und wohl auch obdachlos. Da er sich zurWinterszeit nicht etwa als „Vogelscheuche” auf den Feldern des glück-licheren Nachbarpächters verdingen kann, begiebt er sich hinter Buschund Hecken auf die Lauer, um bei erstbester Gelegenheit dem Zins-eintreiber eine volle Ladung auf den Rücken zu brennen. Dann wirdder Sumpf- und das Moorland sein Schlupfwinkel. Er leidet Hunger undweiss, dass im Lande mehrere Armenhäuser vorhanden sind, welche vielenTausenden von Bedürftigen Unterkunft gewähren, doch kann er dieseUnterstützung nur dann ausnützen, wenn er sich keines Verbrechensbewusst ist. Im anderen Falle verlässt er seine Heimat und wandertnach Amerika aus.
Hier ist der Ire ein selbstbewusster, völlig veränderter Mann.Zwar seine Rauflust, seine lärmenden Gewohnheiten, seine Anhänglich-keit an die Schnapsflasche legt er nicht ab. Dafür ist er sonst un-ermüdlich thätig, ganz im Gegensätze, wie er es diesfalls daheim zuhalten pflegt. In Irland ist Paddy ein trüber Geselle. Wenn er nichts zukauen hat, wandelt ihn die Lust an, ein wenig zu rumoren. Da ist abersofort die Polizei zur Stelle, deren Kopfzahl auf der Insel auf 10.000zu veranschlagen ist; überdies garnisoniren beständig etwa 20.000 Mannenglisch-schottischer Truppen im Lande.
Seinem Aeusseren nach ist der Ire wenig geeignet, den Respectdes Engländers wachzurufen. Sein cylinderförmiger Filzhut, das frack-artige Oberkleid, dazu die lärmende, oft ausgelassene Art des Auftretens;zügellose Heiterkeit heute, grimmige Krakehlerei morgen: das alles machtden Iren in den Augen des Engländers verächtlich, lässt ihn als einenGesellen erscheinen, den man nicht ernst zu nehmen habe. Und doch ister ein sehr ernster Kumpan, wenn er in den rothen britischen Soldaten-rock geschlüpft ist und mit einem unbeschreiblichen Elan auf den Feind— sei er wer immer — losstürzt . . . Mag man über die irischen Nationalgebrechen,über den keltischen Volkscharakter wie immer denken: Thätsache bleibt, dass dasLand ein armes, das Volk ein elendes ist. Der Völkerpsycholog findet unschwerheraus, auf welche Seite die Hauptschuld an solchen Zuständen fällt und welcheSeite diejenige ist, welche hier einzig und allein Abhilfe treffen könnte. Der Reprä-sentant dieser anderen Seite ist aber entschieden östlich der Irischen See, d. h. aufgrossbritannischem Boden zu suchen.
Das englische Volk giebt uns das Bild von einer in sichvöllig abgeschlossenen Welt. Die englischen Nationaltugenden:strenges Pflichtgefühl, Liebe zum Vaterlande und unverbrüch-
Hochbau über einem Kohlenschacht.