Karte 
Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
Entstehung
Seite
93
JPEG-Download
 

A. Westeuropa. VI. Grossbritannien und Irland.

93

licher Freiheitssinn, sie prägen sich dem Fremden in einerReihe glänzender Erscheinungen oder Kundgebungen mächtigein, und er steht bewundernd vor einem Bilde, das ihm diemoderne Civilisation in überwältigender Grösse vorführt.

Gleichwohl hat man sich auf dem Continente allenthalbenfalsche Vorstellungen von dem britischen Wesen gemacht. DieZurückhaltung und die Zugeknöpftheit des Briten, seine auf-fallende Kälte und Ungeselligkeit und vollends sein nicht seltenbeleidigendes Selbstbewusstsein sind Eigenschaften, die denlebensfrohen, mehr ungebundenen Festländer mit Grauen er-füllen. Wo das Leben eine Thätigkeit in höchster Potenz ent-faltet, ist der Fremde völlig einsam, individuell todt, verlassen er sieht nur Maschinen, keine Menschen . . . Daraus hat sichjene falsche Vorstellung gebildet, als sei das englische Lebenüberhaupt ein trübes Schattenspiel, das nur äusserlich Glanzannehme, durch den Reichthum und die Grösse der Nation unddurch den Reichthum des Einzelnen. Der typische Engländer,wie man sich ihn auf dem Continente zurechtlegt, ist ein dürres,griesgrämiges Geschöpf; die englische Dame ein capriciöses,steifes, anspruchsvolles, überhebendes Wesen. Kurz: dem Fest-länder ist der Engländer, die Engländerin, die englische Familieund überhaupt alles Englische bis zu einem gewissen Gradeein Greuel; jedenfalls aber identificirt er mit dem Begriffeenglisch nur Ungeheuerlichkeiten und Geschmacklosigkeiten.

Nun ist es allerdingsZweierlei, je nachdem manden Engländer nur aus denfestländischen Bädern undim Costüm des Alpentouri-sten oder in seiner heimat-lichen Welt kennt. Dass derEngländer mit seinen vielenbürgerlichen Tugenden auchdiejenige eines hervorragen-den Familiensinnes besitzt,ist ebenso bekannt wieseine Geselligkeit, Liebens-würdigkeit und sein feinerHumor, sobald der fremdeGast sein Vertrauen gewon-nen hat und gewissermassenin den Familienkreis aufge-nommen ist. Er wird sichdann überzeugen, dass inder englischen Familie mehrsittliche Kraft, Tüchtigkeitund Glaubenssubstanz vor-handen ist als irgend sonst-wo in der Welt. Freilichläuft in diesem ZauberkreiseVieles blos auf die gute Sittehinaus und nicht alles, wasden Ueberraschten entzückt,mag sonderlich in die Tiefegehen. Die freie Beweg-lichkeit, die den gebildetenFranzosen auszeichnet, fehltfreilich den Herren in RottenRow oder Regent Streetfast ganz, obwohl das Lon-doner High life zahlreicheKlippen besitzt, zwischenwelchen hindurch selbst diefesteste Tugend mit Vorsichtsteuern muss. Das LondonerSaisonleben ist nach einer strengen Schablone zugeschnitten. Der Löwenantheil derTagesarbeit fällt derDinner party oderEvening party zu. Um die Annehmlich-keiten solcher geselliger Zusammenkünfte zu begreifen, muss man sich die strengeenglische Etikette vor Augen halten. Das Dinner ist eine förmliche Parade. Manentfaltet Luxus und Glanz, besonders das weibliche Geschlecht, während die Herren-welt ihre Bewunderung in die Grenzen vornehmer und kühler Zurückhaltung ein-dämmt. Alles geht mit stereotypen Formalitäten vor sich: es wird nicht gegessen,sondern genippt, nicht-gesprochen, sondern im Lapidarstil geantwortet und verneint.Her ganze Wortschatz einer solchen Unterhaltung erschöpft sich in den Worten:yes, no very nice, beautiful!

Nur die Sonntagsruhe bringt Erholung. Man sucht in ihr die Kraft zu neuenStrapazen. Schon neigt sich dieSeason welche drei Monate, vom I. Mai bisi. August, währt dem Ende zu und die letzten Tage werden mit Gottes Hilfeüberwunden. In einer stillen Stunde freilich ertappt sich der Denkende über einerargen Illusion; er sieht eine bedenkliche Leere in seinem Herzen Zurückbleiben. Wenner die geistigen Anregungen, die man ihm geboten, summirt, wird er von einergrossen Null überrascht. Wenn man dielions of society Revue passiren lässt,klingen mehr Sport- und Wettergespräche durch die Erinnerung, als ein normalesGedächtniss vertragen kann. Man fühlt, dass diese Jagd, dieses Stimuliren derLebenskraft, diese aufreibende Lebensfreudigkeit, zwar spontane Aeusserungen seien,die ganze Gefühls- und Gedankenintensität aber einem schalen Dinge derMode diene.

Religion. Das reformirte Bekenntniss der evangelischenKirche, mit bischöflicher Verfassung daher die Episkopal-,auch anglicanische Kirche genannt ist die herrschende.Es bekennen sich zu derselben etwa 20 Millionen. In Schott-land überwiegt die Presbyterialverfassung der reformirten

Kirche und zählt circa 5 Millionen. Alle übrigen christlichenSecten, zum Unterschiede von den der Staatskirche AngehörigenDissenters (circa 6 Millionen) genannt, haben freie Religions-übung. Ausserdem zählt man circa 6*3 Millionen römischeKatholiken (meist in Irland), 60.000 Israeliten und circa 100.000Andersgläubige.

Culturverhältnisse.

Die Bodencultur steht in Grossbritannien auf einer sohohen Stufe wie in keinem anderen Lande der Welt. Dabei istder Boden von Haus aus nicht einmal besonders fruchtbar,und die starke Uebervölkerung bringt es mit sich, dass auchheute noch die jährliche Production den Bedarf nicht decktund grosse Mengen von Consumartikeln eingeführt werden.Auf gleicher Höhe steht die Viehzucht. Die englische Pferde-zucht hat die höchste Stufe der Vervollkommnung erreicht; dasenglische Rassepferd (eine englisch-arabische oder englisch-berberische Mischrasse) übertrifft jedes andere an Schnelligkeitund kommt an Kraft und Schönheit jedem anderen gleich.Die Rinder sind durch Grösse, Fülle und Arbeitskraft ausge-zeichnet. Hinsichtlich der Schafe nimmt Grossbritannien

unter den Ländern Europas den zweiten Rang ein. Auch dieSchweinezucht ist durch ausgezeichnete Rassen weit bekannt.Ein wichtiger Erwerbszweig ist auch die Fischerei, was beider insularen Lage des Landes und der reichen Küstenentwicke-lung selbstverständlich ist.

In Bezug auf die Montanproducte beherrscht Englandin den Artikeln Eisen und Kohle den Weltmarkt. In zweiterLinie stehen Kupfer, Blei, Zinn und Graphit. An Edelmetallendagegen ist das Land arm.

Die unerschöpflichen Steinkohlenfelder sind ein wahrerSchatz, der hauptsächlich dazu beigetragen hat, den National-wohlstand des britischen Volkes auf eine Höhe zu bringen,mit der kein anderes Volk der civilisirten Welt wetteifernkann. Die englischen Kohlenfelder bedecken die enorme Flächevon fast 7000 englischen Geviertmeilen, von denen auf Englanddrei Viertel, auf Schottland ein Viertel entfallen. Von den eng-lischen Kohlenfeldern liegt etwa die Hälfte jenes Flächen-gebietes zu Tage, während die andere Hälfte von jüngerenSchichten überlagert ist. Leider liegen die Flötze meist in be-deutender Tiefe; der berühmte Monkwearmouthschacht musstebis zu einer Tiefe von über 500 Meter abgeteuft werden undbenöthigte man zu dessen Herstellung 20 Jahre! Das grössteKohlenrevier ist jenes von Durham, welches täglich durch-

Eisenwerke in Swansea (Südwales).

iw«

* j

igi®

!i!igih!i

LüujiÄi

24