C. Südeuropa. — I. Das Königreich Italien.
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In den Lagunen von Venedig.
Mittelitalien, dort an der Adria, hier am Tyrrhenischen Meer,hauptsächlich an den Küsten von Toscana und des früherenKirchenstaates. Man nennt sie „Maremmen”. Sie sind berüchtigtals Brutstädten der „Malaria” (Sumpffieber). Am bekanntestensind die „Pontinischen Sümpfe” im Süden von Rom. In derEntwässerung und Urbarmachung dieser fieberglühenden Küsten-striche ist Vieles geschehen, doch befinden sich manche Streckennoch immer in dem trostlosen Zustande wie vor alters. Be-kanntlich litten schon die Truppen HannibaVs unsäglich in dentoscanesischen Sümpfen.
Lagunen giebt es vorwiegend an der Adriatischen Küste Norditaliens. Diegrösste ist jene von Comacchio, südlich des Po, die bekannteste jene von Venedig.Lagunen finden sich auch in Unteritalien, am Golfe von Manfredonia. DieLagunen, welche Venedig umgeben, entstanden durch Gegenwirkung zwischenden Alpenflüssen und dem Meere, und sind der Ebbe und Fluth noch zu-gänglich. Das Gesammtgebiet der Lagunen erstreckt sich zwischen den Mün-dungen des Po und der Mündung des Isonzo. Die Lagune von Venedigumfasst einen Flächenraum von 172 Quadratkilometern. Die ungeheuerenArbeiten, um die Flüsse von den Lagunen abzulenken, hatten der Republiküber 2000 Millionen Franken gekostet. Meer und Lagunen sind durch fünfWasserstrassen (Porti) verbunden, zwischen welchen sich die „Lidi” (Neh-rungen) erstrecken. Je nach dem Grade der Ueberfluthung unterscheidet mandie Laguna viva von der Laguna morta. Die letztere — der „todte” Strand-see — gleicht bei gewöhnlichem Wasserstande einem von zahlreichen Canälendurchfurchten, sumpfigen, grünen Festlande, in welches tiefe, kleine, durchSandbänke unterbrochene Seen eingebettet sind. Die Laguna viva — der„frische” Strandsee — in welcher Venedig liegt, bedeckt die seichte Niede-rung, zeigt aber ebenfalls mächtige, von Meeresvegetation überzogene Schlamm-bänke, „Paludi” genannt. Ebbe und Fluth verändern den Wasserstand inder Viva um fast I Meter; auf die Morta haben sie einen kaum merklichenEinfluss. „Barene” nennt man die nur von starker Aequinoctialfluth über-schwemmten Stellen, deren Thonboden von Seepflanzen bedeckt ist; „Velme”sind die pflanzenlosen, nur bei Ebbe sichtbaren Flächen; „Fondi”, zuwelchen man auch die Canäle rechnet, heissen die immer mit Wasser be-deckten Tiefen, deren Boden mit Meeresvegetation bewachsen ist. Um dieGefahren der Barene und Velme für die Schifffahrt zu beseitigen, wurden aufbeiden Seiten der dem Verkehr dienenden Fondi Pfähle (Capisaldi) eingerammt.
Sie heissen „Mede” beim Zusammentreffen zweier Canäle, „Paline” als Grenz-bezeichnung zwischen Fondi und Velme. Diejenigen Capisaldi, welche zumAnbinden der Fahrzeuge dienen, heissen „Gruppi”, „Pennelli” die an derGrenze der Barene, „Fari” die mit Laternen versehenen Pfähle.
Klima. Die bedeutende Ausdehnung- des Königreichesüber neun Breitengrade, sowie die grosse Mannigfaltigkeitin der Bodengestalt verursachen sehr wesentliche klima-tische Verschiedenheiten. In Sicilien tritt der Frühlingbereits im Februar, in Mittelitalien im März, in Oberitalienim April ein. Schnee, selbst in der oberitalienischen Ebenenicht selten, ist in Süditalien fast unbekannt. Eine Redens-art sagt von Rom, dass dort in einem Winter so viel Schneefalle, um daraus einen einzigen Ballen formen zu können.
Im Allgemeinen liegt Italien im Gebiete der Winterregen.
Je weiter man nach Süden vorcfringt, desto länger dauertdie Periode der Dürre: in Florenz 1, Rom 2, Neapel 3,Sicilien 4, Malta vollends 6 Monate. Die niedrigste Tem-peratur, welche in Rom beobachtet wurde, ist —6 Grad.
Zwar ist das Klima von Italien im Grossen und Ganzenallen Extremen gleichmässig entrückt, dennoch kann mandrei Hauptzonen unterscheiden: die Poebene, wo nochSommerregen auftreten und die Temperaturextreme be-deutend sind; die Halbinsel in ihrer ganzen Ausdehnung,den äussersten Süden abgerechnet, mit vorherrschendenHerbst- und Frühlingsregen; die Inseln Sardinien und Sici-lien, die Zone der Winterregen. — Ebenso wirksam wie
die horizontale, greift auch die verticale Gliederung in dasKlima Italiens ein. Auch hier ergeben sich drei übereinandergelagerte Zonen: eine See-, eine Hügel- und eine Bergzone.Die letztere nimmt reichlich die Hälfte, die mittlere etwa einDrittel, die erstere nur ein Zehntel des gesammten Areals ein.Der Apennin vereinigt die Schattenseiten des nordischen unddes mediterranen Klimas in sich, die winterliche Kälte deseinen, mit der sommerlichen Dürre des anderen.
Durch ein besonders mildes und regelmässiges Klima bevorzugt sind dieKüstenstriche am Ligurischen Golf, dessen bekanntester Theil die weltberühmteRiviera di ponente ist. Das Klima von Nizza zeichnet sich „durch die durchschnitt-lich sehr milde Temperatur von November bis März aus, sowie durch die grosseZahl sonnenheller Tage, die fast gänzliche Abwesenheit von Schnee und Nebel, dieköstliche Reinheit der stetig leicht bewegten Luft, den verhältnissmässig niederenStand der relativen Feuchtigkeit und die durch alle diese Factoren erzeugte er-regende und kräftigende Wirkung . . . .” Indess giebt es auch in Nizza meteorischeZwischenfälle der unangenehmsten Art: heftige Nordoststürme, intensive Tempe-ratursprünge, Wirbelwinde mit Staubmassen, heftige Niederschläge und ausgiebigeSchneefälle, welche mitunter die Aeste der Palmen brechen und den Blumenflormit einer eisigen Schicht zudecken. Im Frühling ist man in Nizza und überhauptan der Riviera durchaus nicht sicher, durch klimatische Excesse überrascht zuwerden. — Das Klima Neapels zeichnet sich durch auffälligen Wechsel der Tem-peratur in den verschiedenen Tageszeiten aus. Namentlich während des Wehens derTramontana (Nordwind) ist die Temperatur sehr empfindlich. Die Sommertage hin-gegen sind weniger heiss als in Rom und nur bei anhaltendem Scirocco unerträglich.Dass Rom während des Sommers ein zum mindesten für den Fremden ungesundesKlima (in Folge der Malaria) hat, ist allgemein bekannt. Dagegen wird das sicilia-nische Klima gepriesen und Palermo noch über Nizza gestellt.
Bevölkerung. Dieselbe gehört fast ausschliesslich der latei-nischen (romanischen) Familie des indogermanischen Stammesder „Mittelländer” an. Die Gesammtzahl der Bewohner beträgt(1885): 29,702.000; hiervon sind circa 150.000 Franzosen, 22.000Griechen, 7000 Catalanen, 30.000 Slovenen (in Friaul) und58.000 Albanesen in Süditalien. Ausserdem finden sich nochcirca 25.000 Angehörige der germanischen Familie. Dieselbengehören den sieben Gemeinden nördlich von Vicenza und dendreizehn Gemeinden im Veronesischen an.
Olivenwald.