C. Siideuropa. — I. Das Königreich. Italien.
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Das italienische Volk weist keineneinheitlichen Typus auf, was erklärlich ist,wenn man erwägt, welche Völkerüber-fluthungen die Halbinsel seit dem Unter-gänge des westeuropäischen Reiches er-fahren hatte. Die Schaaren der Völker-wanderung, die Normannenzüge, die Herr-schaft des arabischen Elements auf der InselSicilien waren von grösster ethnischer Be-deutung. Dazu kommt, dass schon vor altersrings um den Kern des lateinischen StammesVölker anderer Rassen, zum Theil nicht-arischer Abstammung, siedelten. Den ganzenNordosten Italiens nahm das nicht-arischeVolk der Ligurer, den Nordosten und Süd-osten hatten illyrische Stämme inne, denSüden Griechen, die Inseln Sardinien undCorsica Iberer. Auch die Kelten haben,wenigstens den nördlichen Theil des Landes,wiederholt überfluthet. Die Etrusker (Tyr-rhener), welche das nachmalige toscanischeGebiet und grössere benachbarte Streckeninne hatten, waren durch geraume Zeit das herrschende Volk im westlichenMittelmeerbecken, bis sie mit den Phönikern zusammenstiessen. Es liegen Be-weise vor, dass die Etrusker aus Lydien, also aus Vorderkleinasien, stammten,wie die Veneter wahrscheinlich aus Paphlagonien.
Neben den mannigfachen ethnischen Einflüssen haben auch Bodenverhältnisse und Klima grosse Be-deutung für die Nuancirungen im Volksthum. Zwischen dem Savoyarden, welcher Aelpler ist, und dem Neapo-litaner, in welchem griechisches, oder dem Sicilianer, in welchem saracenisches Blut rollt, ist der Unterschiedgrösser als zwischen dem Nord- und Südfranzosen, oder dem Nord- und Süddeutschen. — Auch sprachlichist das Volk durch eine grosse Zahl von Mundarten zersplittert. Man unterscheidetfolgende Hauptdialekte: I. den italienisch-keltischen (in Piemont, dem grösstenTheil der Lombardei und der Emilia); 2. den ligurischen (an der Küste desLigurischen Golfes); 3. den tuskisch-römischen (in ganz Mittelitalien); 4. denneapolitanischen (in Süditalien); 5. den sicilianischen (auf Sicilien), und
Loretanerin.
Chioggiotin.
Fischmarkt am Canal grande in Venedig.
6. den sardischen Dialekt (auf Sardinien). Auffallend ist das Ueberwiegen deskeltischen Dialektes, welcher nach der Zahl seiner Angehörigen den römischen fastum das Doppelte übertrifft.
In Süditalien, an der Adriaküste, zwischen den Flüssen Fortone und Faro,befinden sich zahlreiche Albanesendörfer mit einer angeblichen Gesammtbewohner-schaft von 80.000 Seelen. Die ersten Albanesen, etwa 500 an der Zahl,kamen zur Zeit Ferdinand’s I. von Neapel hierher, um die Lehen einzu-heben, welche derselbe an Georg Castriota (Skanderbeg) zur Belohnungder Hilfe verlieh, welche ihm dieser gelegentlich der Empörung der italie-nischen Barone geleistet hatte. Im Jahre 1467 setzte der Sohn Skander-beg’s mit grossem Gefolge nach Italien über und erhielt wegen derVerdienste seines Vaters gleichfalls Ländereien und Privilegien. Der vonden neapolitanischen Königen allen vor den Türken fliehenden Albanesengewährte Schutz zog noch viele albanesische Flüchtlinge nach dem süd-lichen Italien. Ein Theil dieser albanesischen Colonisten hat sich im Laufeder Zeit italienisirt. Diejenigen, welche der Sprache, Sitte und Kleidungihrer Vorfahren bis auf den Tag treu geblieben sind, bilden ein streit-süchtiges, den Italienern verhasstes Völkchen.
Religion. Das herrschende Glaubensbekenntniss(84 Procent) ist das römisch-katholische. Ausserdemzählt man circa 60.000 Protestanten, 36.000 Israelitenund fast 50.000 Andersgläubige, vorwiegend griechisch-orthodoxe Griechen.
Culturverhäitnisse. Italien ist ein hervorragendesAgriculturland und die Landwirthschaft ernährt dengrössten Theil der Bevölkerung. Nur die unmittelbar anden Küsten wohnenden Elemente beschäftigen sich ent-weder mit demFischfang oder sind Schiffer (Matrosen etc.).Bei 85% des Gesammtareals ist productiver Boden, hier-von 41% Acker-, Garten- und Weinland. Die vorzüglichstenProducte des Feldbaues sind Mais und Reis, beideNationalgerichte. Andere Cerealien sind nicht in ge-nügender Menge vorhanden. Nur im Neapolitanischenübersteigt die Weizenproduction den Bedarf. — DieZahl anderer Culturgewächse ist aber sehr bedeutend;neben Mais und Reis sind hervorzuheben: Baumwolle(südlich von Neapel), Tabak (Sicilien), Oliven (derCharakterbaum des Mittelmeerklimas), Orangen undCitronen (in Süditalien und auf Sicilien), Brotfrucht-baum, Wein (viele edle Sorten, darunter besonders dieberühmten Vesuvweine) u. s. w.
Bemerkenswerth sind die klimatischen Bedingungen der Boden-cultur. „Je weiter man von den Alpen nach Süden vorrückt, um sofrüher tritt die Zeit der Ernte ein, und da auch die Saat in den süd-lichen Gegenden früher bestellt wird als in den nördlichen, verkürzt sichdadurch die Vegetationszeit ganz bedeutend. Während diese beispiels-weise für den Winterweizen in Berlin 299 Tage beträgt, umfasst sie fürRom, Neapel, Palermo und Malta beziehungsweise nur noch 242, 195,171, 164 Tage, so dass im Süden ein und derselbe Acker in einem Jahremehrere Früchte nacheinander erzeugen kann. Schon in den nicht mehrzum Mittelmeergebiete gehörenden südlichen Alpenthälern (z. B. Kärnten)erzielt man nach der Kornernte einen herbstlichen Ertrag von Buchweizen.Nun ist in der Lombardei die belebende Leuchtkraft des Sonnenlichtesbereits derart gesteigert, dass herrliche Ernten zwischen den Obstbäumenund den sie verknüpfenden Weinreben gezogen werden .können. Weiterhinim Süden, wo die Sommerregen aufhören, schränkt zwar die trockene