D. Nordeuropa. — Die Halbinsel Skandinavien.
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wird in den nördlichen Breitenverschärft durch die Längeder astronomischen Winter-nacht. Sie währt in Hammer-fest zwei volle Monate. Wäh-rend dieser und der monate-langen Dämmerungsperiodemildern der Mond und dasNordlicht die beständige grau-sige Dunkelheit. Selbstver-ständlich folgt den langenPolarnächten des Winters inder entgegengesetzten Jahres-zeit ein ebenso langer, ja sogaretwaslängerer Tag — der „Mitt-sommer” — dessen eigenthüm-licher Reiz von unbeschreib-licher Wirkung ist. Dies giltnamentlich von dem Coloritin den Landschaften zur Mitter-nachtszeit.
Die Bewohner. Der Ein-druck, welchen die romantischeNatur Skandinaviens auf den
Fremden ausübt, würde unvollständig bleiben, wenn man mitderselben nicht die Bewohner in Beziehung brächte. Denn ge-rade sie sind es, die diesem Lande ein eigenartiges Geprägeverleihen. Die prächtigen Gestalten, voll Ernst und Lebens-kraft, sind die Abkömmlinge jener kühnen Wikinger, welcheeinst die Welt erobert hatten, die Hüter glanzvoller Erinne-rungen, welche sich an die Herrschaft der Seekönige in grauerVorzeit knüpfen. Der Wandel der Zeiten kann nicht ver-hindern, dass der Fremde mit Ehrfurcht jenen Königsgräbernsich naht, auf welchen uralte Heldenthaten in Runenschriftan vergangene Grösse erinnern. Es sind dies die sogenannten„Bautasteine”, ergreifende poetische Sinnbilder.
Die Schweden und Norweger bilden mit den Dänen den skandinavischenZweig des germanischen Stammes; ihre Sprachen sind nur als Dialekte einerSprache anzusehen, welche der deutschen, besonders der plattdeutschen, nahe ver-wandt ist. Der klangvollste und ausgebildetste dieser Dialekte ist das Schwedische.Der Schwede, obwohl dem europäischen Norden angehörig, ist heiter und auf-geweckt, liederfreudig und lebenslustig. Die feine Lebensart, die ihm eigen ist, hatihm den Beinamen als „Franzose des Nordens” eingetragen. — Ist der Schwedemittheilsam, offen und vertrauensselig, so sehen wir am Norweger andererseits alscharakteristischen Grundzug seine Verschlossenheit, sowie sein geringes Bedürfnissnach lebhafterem Verkehr hervortreten. Alle Skandinavier sind sehr religiös, ge-wissenhaft und pflichttreu. Die strenge Religiosität freilich hat eine ausgeprägte Ab-neigung gegen fremdländisches Wesen und eine schroffe Unduldsamkeit gegenAndersgläubige zur Folge. In Norwegen überwiegt allenthalben das persönliche Be-dürfniss, in Schweden das gemeinsame; der Norweger lebt für sich und seine Familiein seinem „Gaard” (Gehöfte), der Schwede drängt sich gerne in die Oeffentlichkeitvor und findet Gefallen an gesellschaftlichem Verkehr; der Norweger ist streng con-servativ, der Schwede fortschrittsfreundlich.
In den nördlichen Theilen der Halbinsel deuten manche Gebräuche und Sittenauf. alt-skandinavisches Wesen hin. Man nenntdie Norweger ein demokratisches 'Volk, aberim Grunde ist Norwegen nicht mehr und nichtweniger als ein demokratisch organisirter Staatvon Aristokraten. Mit Recht sagt ein Kennerdes Landes: „Die Norweger sind voll von demHochgefühl eines erobernden und niemals er-oberten Volksstammes.” ; Seit der Zeit HaraldHarfagr’s im 9. Jahrhundert, als die kleinenKönige von Norwegen entthront, einen grossenTheil der europäischen Aristokratenfamilien grün-deten, ist das Land, trotz seiner Annectirungdurch Dänemark und später durch Schweden,in seinen inneren Verhältnissen fast unberührtgeblieben. Von diesem Harald Harfagr abzu-stammen, rühmen sich denn auch viele Familienim Norden des Landes. Bezeichnend bleibt esimmerhin, dass ein demokratisches Volk, wiedie Norweger, auf solche Abstammung Gewichtlegt. .Selten macht man unter demselben eineTrauung mit, ohne versichern zu hören, dassdie Braut — wenn auch in langer Linie —von den alten Baronen des Landes abstamme,wie der Bräutigam von den Wikingern.
Ein eigenartiges Völkchen sinddie norwegischen Fischer. DieFischerei an der Westküste vonSkandinavien ist keine idyllischeBeschäftigung, die etwa durch dieSchönheit eines Fjordbildes reizenkonnte. Nein, hier ist harte Arbeit,
Kampf mit Elementen, stete Gefahr.
Der nordische Fischer fährt oft beistillem und schönem Wetter aus.
Die Trollhättafälle.
kommt aber alsbald unerwartetin Sturm und Unwetter, denndie Witterungs-Verhältnissesind von kaum glaublicher Un-beständigkeit. Sein Arbeits-jahr beginnt der norwegischeFischer damit, dass er amDreikönigstage sein Boot indie See schiebt und sich zurReise nach den Lofotenrüstet. Dort bleibt er bis MitteApril, begiebt sich dann hin-auf nach Finnmarken odernach Hause zur Sommer-fischerei, darauf zur Herbst-fischerei und zuletzt nach-Aasvaer — dem wichtigstenFischereiplatze Norwegens —wo er dasJ Jahr beschliesst,um die angedeutete Lebens-weise von neuem zu beginnen.Es sind düstere, verwitterteGestalten mit eigenthümlichstarren Zügen. Sie steckenin ledernen Beinkleidern, Wasserstiefeln und ledernen Jacken,um sich die Nässe vom Leibe zu halten. v
Neben dem germanischen Stamm beherbergt Skandinavienauch noch Zweige der finnischen Völkerfamilie, die Finnenund Lappen (etwa 60.000 Seelen). Nach ihrer Lebensweisetheilt man die Lappen in ansässige Lappen, Fischerlappenund nomadisirende Renthierlappen. Die Lappen nennen sich„Same”, die Finnen „Quänen”.
Religion. Die Gesammtheit der Bewohner germanischenStammes bekennt sich zur lutherischen Kirche. Die Zahl derKatholiken und Angehörigen der reformirten Kirche ist gering.Unter den Lappen giebt es noch Tausende von Heiden.
Culturverhältnisse. Von Schweden ist fast die Hälfte desAreals (477%) productiver Boden, doch begreift derselbe Vor-wiegend Waldboden (37%) in sich. In Norwegen ist ungefährein Drittel des Areals (34%) productiver Boden, der fast gänz-lich dem Waldlande (31%) zufällt. In Schweden baut man diegewöhnlichen Cerealien, Hülsenfrüchte, vorzüglichen Flachs,Hopfen, Tabak, Krapp und Mais; in Norwegen bilden Hafer,Kartoffeln und Buchweizen die einzigen Feldfrüchte, welcheeinigermassen ergiebig sind. Eine unerschöpfliche Quelle desWohlstandes bilden die ungeheueren Waldungen. Holz ist dennauch der wichtigste und ertragreichste Ausfuhrartikel.
Die Viehzucht ist trotz der ausgedehnten Weideflächenvon geringer Bedeutung. Dagegen ist die Fischerei ein wich-tiger Erwerbszweig; Norrland und Finnmarken würden ohnedieselbe gar nicht bestehen können. Die Fischerei erstreckt
sich auf Häringe, Stockfische, Ma-krellen, Hummern und auch aufWalfische. — Eine andere Quelledes Reichthums bildet der Berg-bau, doch nur in Schweden. Daswichtigste Montanproduct ist dasEisen. Ausserdem wird gewonnen inSchweden: Kupfer, Silber (zu Sala),Nickel, Blei, Zink, Kobalt, Schwefel,Alaun; in Norwegen: Eisen, Silber(Kongsberg),Kupfer, Kobalt, Chrom,Nickel.
Industrie. Schweden ist daseinzige unter den Eisen produciren-den Ländern, das der mineralischenKohlenschätze entbehrt. Es ist beider Roheisenerzeugung fast aus-schliesslich auf die Holzkohle ge-wiesen. Trotz alledem steht dieEisenindustrie Schwedens auf ver-hältnissmässig hoher Stufe. Mittel-punkt dieser gewerblichen Thätig-keit ist das sogenannte „Eisencomp-toir”, eine Vereinigung von Ge-werken, welche sehr rührig ist. DieMenge der jährlich ausgebeutetenEisenerze erreicht in Schweden dieansehnliche Ziffer von über 650.000Tonnen; der Eisenhüttenbetrieb be-Ein Bautastein. schäftigt ungefähr 16.000 Arbeiter.
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